1977

Prof. Dr. phil. Johannes Spörl (5. September 1904 – 19. April 1977)

Am 19. April dieses Jahres starb unser außerordentliches Mitglied Professor Dr. Johannes Spörl im Alter von 72 Jahren, nach längerer Krankheit, aber doch völlig unerwartet; niemand, der ihn kannte, blieb unerschüttert, seine Freunde verloren den treuesten Freund. Über diese, die persönlichsten Aspekte, ist bereits vieles und Ergreifendes gesagt worden, am Grab und beim Gedenkgottesdienst in St. Bonifaz durch Abt Odilo Lechner und durch Max Müller, auf der Görres-Tagung in Innsbruck durch seine Schülerin Laetitia Böhm. Schönes steht auch in der Festschrift „Speculum historiale“, welche ihm seine Freunde 1965 zu seinem 60. Geburtstag widmeten. So darf ich mich allein an sein wissenschaftliches Werk halten, dessen Würdigung freilich einen kundigeren Anwalt verdiente.
In seinem Nachruf auf Philipp Funk, der ihn 1934 in Freiburg zur Habilitation geführt hatte, schrieb Johannes Spörl, um seinen Lehrer zu charakterisieren. Funk habe seine Aufgabe „weniger im Entdecken neuer Quellen“ oder in großen kompendiösen Zusammenfassungen gesehen, „als in der Anregung, im Sichtbarmachen von Problemen, im kritischen Spürsinn für das Wesenhafte, im glänzenden Essay“ (Philipp Funk zum Gedächtnis, in: HJ 57/1937, S. 1). Könnte man die gleichen Worte nicht auch zum Werk Johannes Spörls sagen, so ungleich beide sonst waren?
Schon das Erstlingswerk steckt voller glänzender Anregungen, die auf Anregung Heinrich Günters entstandene, 1930 im Historischen Jahrbuch erschienene Dissertation über „Das Alte und das Neue im Mittelalter. Studien zum Problem des mittelalterlichen Fortschrittsbewußtseins“ (HJ 50/1930, 397-341, 498-524). Als bedeutenden Ansatz darf man bereits die Fragestellung bezeichnen, mit der er dabei, in bewundernswerter Belesenheit übrigens, an die großen Werke der mittelalterlichen Historiographie und des spekulativen Geschichtsdenkens herantrat. Es ging Spörl nicht darum nachzuweisen, daß auch das Mittelalter bereits Fortschrittsbewußtsein hatte oder daß die Wurzel des modernen Fortschrittsbewußtseins schon im Mittelalter liege, es ging ihm um die Eigenart des mittelalterlichen Denkens selbst, darum, wie der mittelalterliche Mensch den Wert des Alten und des Neuen beurteilte und die Wertakzente verteilte. Es ist ihm dabei gelungen, einen Grundzug im mittelalterlichen Denken, der dem Mediävisten natürlich längst bekannt war, erstmals systematisch herauszuarbeiten und durch eine Fülle von Zeugnissen zu belegen.
Das wichtigste Ergebnis scheint mir dabei die Feststellung der frappierenden Unterschiede zwischen dem Dekadenzgefühl der Geschichtsschreiber, die ihre Aufgabe darin sahen, „ihrer Zeit eine bestimmte Stelle im Geschichtsprozess von Anfang der Welt bis zum Erscheinen des Antichrist zuzuweisen“, und dabei notwendigerweise, da der Weg dorthin sich unaufhaltsam neigt, nur Müdigkeit und Verfall zu konstatieren wissen, während Symbolisten und Spiritualisten, Rupert von Deutz, Vinzenz von Lerin, Honorius Augustodunensis oder Joachim von Fiore, in ihrer Lehre von der Abfolge der Weltzeitalter, so verschieden diese im einzelnen auch aussehen mag, den eigentlichen Fortschrittsgedanken in die weltgeschichtliche Betrachtung bringen, den Gedanken an ein stetes Fortschreiten bis zur Vollendung der Schöpfung in der Herabkunft des Zeitalters des Heiligen Geistes. Auch das Mittelalter stellt sich also, selbst in einer so zentralen Frage wie der eschatologischen Bestimmung der Welt, keinesfalls als Einheit dar, eine Erkenntnis, die nachhaltig weitergewirkt hat.
Nicht zuletzt Johannes Spörl selbst ist es gelungen, vor allem an Phänomenen des 12. Jahrhunderts die Risse aufzuzeigen, die tief auch die scheinbar so geschlossene Weltzeit durchziehen, als welche das Mittelalter sich gemeinhin darstellt. Seine Habilitationsschrift „Grundformen hochmittelalterlicher Geschichtsanschauung. Studien zum Weltbild der Geschichtsschreiber des 12. Jahrhunderts“, die 1935 erstmals erschien, 1968 in einer Sonderausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, hat eben deshalb so großes Aufsehen erregt, weil es Spörl dabei gelungen war, in der Analyse von vier bedeutenden Geschichtswerken der Epoche die ganze Spannweite dieser Umbruchszeit zu erfassen. Auch hier verdient der leitende methodische Grundsatz genannt zu werden, gerade weil er inzwischen so selbstverständlich geworden ist, die Betrachtung nämlich des historiographischen Werks eines Autors als Ganzheit, seine ideengeschichtliche Erfassung anstatt seiner Zergliederung als „Quelle“, als Belegort für einzelne Fakten. In vierfacher Ausfaltung stellt Johannes Spörl das Geschichtsdenken des 12. Jahrhunderts vor, nachgewiesen an je einem Autor. In Anselm von Havelberg manifestiert sich die symbolistische Theologie als Boden der neuen Geschichtsmetaphysik mit dem Entwicklungsgedanken, wie er sich mit der Weltzeitalterlehre seither verbindet. Odericus Vitalis, dem Benediktiner von Evroul in der Normandie, gelingt in der Geschichte seines Klosters die Konkretisierung einer Geschichtsschau, wie sie dann erst Ranke wieder versucht, er sieht in den Normannen die Träger einer neuen geschichtlichen Entwicklung, die in der Kreuzzugsbewegung und im Aufbruch der monastischen Kultur des 12. Jahrhunderts sichtbar wird, sie sind die Träger der „Sendung des Nationalstaats“, wie die Überschrift lautet. Mit Johannes von Salisbury schließlich, den Spörl im Spannungsfeld zwischen „Humanismus und Naturalismus“ sieht, eine Kategorie von Alois Dempf aufnehmend, tritt im12. Jahrhundert bereits ein Typus in Erscheinung, den man herkömmlicherweise erst im 15. Jahrhundert erwartet, der Autor der „Historia Pontificalis“, die keine Weltchronik ist, sondern Universalgeschichte, die also von einem universalen Prinzip aus die Geschichte deutet. Universal ist der Blickpunkt insofern, als er auf die universalste Institution gerichtet ist, das Papsttum; die Gesetzmäßigkeit aber, welche die Geschichte bei ihm durchwaltet, ist das freie Spiel der Kräfte, deren Träger der Mensch ist, in Freiheit hineingestellt als Mikrokosmos in den Makrokosmos des Universums, verantwortlich für diese seine Welt. Von einer solchen Schau der Geschichte, die befruchtet war vom antiken Geschichtsdenken und der neuplatonisch-stoischen Philosophie, hat man für das 12. Jahrhundert vor Spörl nicht in dieser bestürzenden Schärfe gewusst. Wie tief der Bruch war, der das Jahrhundert spaltet, zeigt vor allem die Gegenüberstellung des Engländers, für den das Reich der Deutschen nur mehr ein Ärgernis war, mit dem Künder der „staufischen Reichsmetaphysik“ Otto von Freising. Dass die Liebe Spörls nicht dem Rationalisten Johannes von Salisbury galt, auf den auch, wie ebenfalls Spörl gezeigt hat, die erste mittelalterliche Ausformung der Lehre vom Tyrannenmord zurückgeht, sondern dem noch zutiefst mittelalterlichen Geschichtsschreiber Otto, wird deutlich vor allem in den Studien, die auf das Buch von 1935 folgen und die das große Thema noch einmal entfalten4. 1935 arbeitet Spörl deskriptiv die Dualistischen Grundzüge im Geschichtsbild Ottos heraus, ohne sie schon in eingehender Analyse von Augustinus abzusetzen. Bedeutsam sind dabei die Abschnitte über den Gegensatz der beiden Civitas, der ohne Versöhnung bis ans Ende der Zeiten dauert, um erst dann seine Auflösung zu finden, eine zutiefst pessimistische Sicht, die im Grund einem anderen Prinzip bei Otto widerstreitet, Geschichte als Instrument der Vorsehung zur Erziehung der Menschheit, die durch das Walten der Vorsehung sich immer mehr zum Guten wendet. Dieser Gegensätzlichkeit entspricht die von Augustinus so gänzlich abweichende Betrachtung der Civitas Dei, die nicht rein jenseitig gesehen wird, sondern als Civitas permixta, als Verbindung der konkreten Kirche mit dem Imperium in gerechter Abgrenzung der Gewalten. So ist im Grunde mit dieser noch bei der Behandlung des Investiturstreits entwickelten Idealvorstellung bereits die Hochstimmung der Gesta Friderici vorbereitet, die so wenig dem Grundton der Gesamtauffassung zu entsprechen scheint, der Gewissheit vom Wandel aller Dinge mit der daraus folgenden Notwendigkeit einer Abkehr vom Zeitlichen und Hinwendung zum Ewigen.
In dieser Verkürzung ist sicherlich der Widerspruch schärfer herausgestellt, als Spörl ihn gesehen hat, aber daß auch bei ihm die letzte Deutung noch immer gesucht wurde, zeigt das Ringen um eine Vertiefung des Bildes zwei Jahrzehnte später, in strenger Konzentration auf die Problematik der civitas Dei bei Otto von Freising wie bei Augustinus. Die Synthese der verschiedensten Elemente bei Otto entspricht nach Spörl dem tiefsten Antrieb des Freisinger Bischofs, der zu allererst Historiker war und Geschichte erzählen wollte, nicht eine Geschichtsphilosophie beabsichtigte, so sehr es ihm um die Erkenntnis des Sinnzusammenhangs menschlicher Existenz ging, während Augustinus als Theologe gesehen wird, für den die Geschichte nur das pädagogische exemplum liefert, ohne dass aber irdisches Leben und staatliche Ordnung dabei, wie man so oft lesen kann, ihren Wert gänzlich eingebüßt hätten. Pax und iustitia stehen auch bei ihm an vorderster Stelle der Wertordnung, unzertrennbar verbunden mit dem von Menschen geschaffenen Staat – dafür aber fühlt sich Augustinus nicht in erster Linie zuständig, anders als Otto, dem das Reich mehr ist als bloßes Menschenwerk.
Immer waren es große Gedankengebäude, die Johannes Spörl seit Beginn seiner historischen Studien beschäftigt haben, auch da, wo er sich mit dem konkreten historischen Ablauf zu befassen scheint, wie in seinem Barbarossabüchlein von 1934 oder im Versuch von 1941, die Kaiser- und Reichsidee insgesamt zu entwickeln. Auch die große Krise des 12. Jahrhunderts, die er als Fortgang, Höhepunkt und in gewissem Sinn auch als Abbrechen von Bestrebungen sehen möchte, die im 10. und 11. Jahrhundert bereits Form gefunden hatten, deutet er nicht so sehr von den Ereignissen her, als vom Motivwandel der Historiographie. Die einprägsamste Gestaltung der Kaiseridee gelingt ihm dabei für Heinrich III. in der feinsinnigen Analyse des Tetralogus Wipos von 1041 mit der unglaublichen Überhöhung des Kaisers als caput mundi, zu dem er sagt, er regiere den Erdkreis, der zweite nach dem Herrn des Himmels. Diese Kennzeichnung, das war die Absicht Wipos, verpflichtete freilich dieses Haupt einer „Theokratie in strengster eingipfeliger Form“, wie Spörl sie nennt, aufs höchste, Reich und Kirche sind unzertrennbare Einheit, der Dienst des Kaisers an dieser Einheit, nicht Herrschaft, ist der letzte Sinn des Reiches, pax und iustitia die Früchte dieser Ordnung.
Die besondere Hingabe, mit der Johannes Spörl dieser Thematik nachging, ohne Frage einer für das Mittelalter schlechthin zentralen, ist sicherlich bedingt durch seine eigene tiefste Veranlagung, die nicht an Spaltung und Bruch interessiert war, sondern an Einheit, an Harmonie der Kräfte; es war auch die Sehnsucht der Zeit, in der er groß geworden war. So hat er für Gregor VII., den er nur einmal behandelt hat, wohl nicht so viel Verständnis aufzubringen vermocht, sicher keine Zuneigung; der Sieg der einen Macht, der durch Gregor grundgelegt wurde, so stellt Spörl fest, rüttelte am Autoritätsprinzip schlechthin; seine Größe war ohne Maß und discretio, für Spörl eine fragwürdige Größe, wie sich aus der Entwicklung des Problems der historischen Größe in einer seiner geistvollsten Studien ergibt, der über Bernhard von Clairvaux. Nicht so sehr als Sprecher seiner Zeit, als Schiedsrichter über Könige und Päpste, sondern allein als Heiliger, so legt er hier dar, Huizinga folgend, umfasste Bernhard die ganze Fülle menschlichen Daseins – vielleicht ist dieses Urteil überhaupt der Schlüssel für die faszinierende Gleichgültigkeit, mit welcher der Mediävist Spörl Taten und Ereignisse, Institutionen und wirtschaftliche Entwicklungen beiseite ließ, konzentriert allein auf den Geist, nicht zuletzt in seiner letzten Aufgipfelung im Religiösen.
Allenfalls die Geschichte des Bildungswesens war ihm noch wichtig, wie eigene Arbeiten zeigen oder die Arbeiten seiner Schüler über die bayerische Landesuniversität Ingolstadt; als geistigen Nährboden großer Bildungsträger sieht er auch einmal das mittelalterliche Bayern. Mit besonderer Hingabe behandelt er dabei die Benediktiner, die Verkünder der Ideale „der Zucht und des Maßes“, ihre überragende Bedeutung unterstreicht er nicht nur in Einzelstudien wie jener über den hl. Bonifatius oder über Gregor den Großen, sondern in seiner Gesamtschau des europäischen Mittelalters sieht er geradezu in der Regula Sancti Benedicti die „Summe der Kräfte“ zusammengefasst, die bei der Grundlegung Europas wirksam waren.
Das Gesamtwerk, das Johannes Spörl hinterließ, ist aber ungleich umfassender, als es nach dem bisher Gesagten scheinen mag, so gewichtig die Themen auch waren, mit denen er rang, so weitreichend die Anregungen, die besonders von seinen Büchern von 1930 und 1935 ausgingen, nicht nur auf seine Schüler. Nicht abmessbar ist der Anteil an Sorge und Mühe, den er dem Historischen Jahrbuch gewidmet hat, das er vierzig Jahre hindurch betreut hat. Genannt werden müssen auch die so unvergleichlichen Nachrufe auf Gelehrte, die ihm nahestanden – ich nenne nur Philipp Funk, Georg Schreiber, Max Braubach. Es ist oft gesagt worden in den letzten Monaten, wie treu er seinen Freunden war. Vielleicht ist sein größter Ruhmestitel aber doch eine noch größere Treue, jene zu dem Gesetz, nach dem er angetreten war. Niemand wird Johannes Spörl nachsagen können, er sei ohne Ehrgeiz gewesen; geistige Leistung ist nicht möglich ohne starke Antriebe. Er wusste um seine Fähigkeiten zu führen und voranzustehen, trotzdem hat er zu keiner Zeit, auch als kein anderer Weg zu einem Lehrstuhl auch nur denkbar war, ein Wort geschrieben, das als das geringste Zeichen einer Verbeugung vor dem braunen Regime hätte gedeutet werden können. Er hatte nach 1945 keines der Worte zu revidieren, die in seinen früheren Büchern stehen. Auch ein Allgemeines ist hier festzustellen: wie weltenfern die katholische Reichsidee der Jahre vor 1933 in ihrer idealen Ausprägung jenem Gedankengut war, das K. Sontheimer hineingelesen hat, lässt sich nirgends besser dokumentieren als mit dem Werk Johannes Spörls.

Andreas Kraus, München