2020

P. DDr. Leo Weber SDB (12. Dezember 1928 – 15. Dezember 2019)

Am 15. Dezember 2019, dem 3. Advent, verstarb im Kloster Benediktbeuern Salesianerpater DDr. Leo Weber im 92. Lebensjahr. Er war seit 1989 außerordentliches Mitglied der Bayerischen Benediktinerakademie in der historischen Sektion. Am 21. Dezember 2019 wurde Leo Weber in Benediktbeuern bestattet. Bei dem eindrucksvollen Requiem in der Benediktbeurer Basilika nahm eine große Trauergemeinde Abschied von dem hochgeschätzten Gelehrten und Seelsorger. Direktor Pater Dr. Lothar Bily SDB würdigte in seiner Ansprache den Verstorbenen umfassend. Unter den zahlreichen Konzelebranten der Messfeier, welcher in Vertretung des verhinderten Provinzials der deutschen Ordensprovinz der Provinzökonom Pater Stefan Stöhr SDB vorstand, befanden sich der frühere Erzbischof von Salzburg, Dr. Alois Kothgasser SDB, der einst als Kollege Leo Webers an der Hochschule in Benediktbeuern gelehrt hat, und Abtpräses Barnabas Bögle OSB aus Ettal. Ein Ehrengeleit der Gebirgsschützen hatte vor dem Sarg Aufstellung genommen. Im Anschluss an das Requiem wurden von kommunalen Repräsentanten sowie Vertretern der Gebirgsschützen und des Rotary Clubs Bad Tölz Nachrufe vorgetragen, in denen die allgemeine hohe Wertschätzung für den Verstorbenen einen schönen Ausdruck fand. Danach formierte sich ein feierlicher Trauerzug von der Basilika zum Friedhof; der Sarg wurde von acht Gebirgsschützen getragen. Die Beerdigung Pater Webers durch Direktor Bily erfolgte auf dem Ordensfriedhof der Salesianer. Unmittelbar nach dem Abschluss der Begräbnisliturgie ließ die Blaskapelle den Bayerischen Defiliermarsch erklingen.
Leo Weber entstammte einer kinderreichen Familie und wurde am 12. Dezember 1928 in Gosheim, Kreis Tuttlingen, geboren. Nach dem Schulbesuch machte er zunächst eine Lehre im Malerhandwerk und wurde 1945 noch zum Arbeitsdienst und zur Ausbildung als Soldat eingezogen; im Herbst 1945 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich heim. Die damals gemachten Erfahrungen trugen wohl zu einer Neuorientierung in seinem Leben bei und ließen ihm das Priestertum zum Ziel werden. So bereitete Weber sich bei den Salesianern Don Boscos in Buxheim und Benediktbeuern auf das Abitur vor und legte 1952 in Ensdorf die Ordensprofess ab. Nach ordensüblichen pädagogischen Einsätzen und dem philosophisch-theologischen Studium in Benediktbeuern wurde Leo Weber am 29. Juni 1961 in Benediktbeuern zum Priester geweiht.
Von den Ordensoberen für eine spätere Lehrtätigkeit an der Hochschule vorgesehen, konnte Pater Leo Weber seine Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität München fortsetzen und 1970 bei Professor Georg Schwaiger (1925–2019), der ihm nur wenige Wochen im Tode vorausgegangen ist, mit einer kirchengeschichtlichen Arbeit zum Dr. theol. promovieren. Das Thema seiner Dissertation war „Veit Adam von Gepeckh, Fürstbischof von Freising, 1618–1651“ (veröff.: SABKG 3/4, 1972). 1971 nahm Leo Weber seine Lehrtätigkeit als Dozent an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern auf. Eine ins Auge gefasste Habilitation für das Fach Kirchengeschichte bei Schwaiger wurde nicht umgesetzt, weil zu jener Zeit an der Münchner Katholisch-Theologischen Fakultät noch generelle Vorbehalte dagegen herrschten, Ordensleute zu habilitieren. Leo Weber griff stattdessen ein anderes akademisches Projekt auf, das wiederum Freising und das 17. Jahrhundert betraf, und promovierte im Jahre 1983 bei Professor Norbert Lieb (1907–1994) in München im Fach Kunstgeschichte auch zum Dr. phil.; dazu behandelte er „Die Erneuerung des Domes zu Freising 1621–1630. Mit Untersuchungen der Goldenen-Schnitt-Konstruktionen Hans Krumppers und zum Hochaltarbild des Peter Paul Rubens“ (veröff.: 1985).
Von 1981 bis zur Entpflichtung im Jahre 2000 lehrte Pater Weber als ordentlicher Professor Kirchen- und Kunstgeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern. „In dieser Zeit prägte er etliche Generationen zukünftiger Priester, Pastoralreferenten und Religionslehrer. Die Studenten haben ihn stets als kompetenten, engagierten, ebenso geistreichen wie humorvollen Wissenschaftler und Lehrer in Erinnerung behalten, der sich auch nicht scheute, zu aktuellen Themen entschieden Stellung zu nehmen.“ (L. Bily)
Als Forscher setzte sich Pater Weber mit verschiedenen Sachgebieten auseinander. Er befasste sich mit dem Kloster Benediktbeuern und dessen Geschichte, mit kunstgeschichtlichen Themen vor allem des Barock, mit lokalhistorischen Gegenständen aus dem Umfeld Benediktbeuerns und aus seiner schwäbischen Heimat sowie mit der Geschichte und den Gebräuchen der bayerischen Gebirgsschützen. Die von Norbert Wolff zusammengestellte „Auswahlbibliographie Leo Weber“, die in der ihm gewidmeten Festschrift erschienen ist, bietet einen guten Überblick zu dem beachtlichen Ertrag seiner Forschungen (Benediktbeuern. Erbe und Herausforderung. Festgabe für L. Weber zum 80. Geburtstag, hg. v. N. Wolff [BBSt 12], 2008, S. 272–277).
Der jahrzehntelange Aufenthalt in Benediktbeuern hat Pater Weber im bayerischen Oberland Wurzeln schlagen und heimisch werden lassen. Er interessierte sich für die Region an der Loisach und setzte sich mit ihr in verschiedener Weise auseinander; das machte ihn zum vielfach gefragten Referenten bei besonderen Veranstaltungen der Erwachsenenbildung oder bei Jubiläen. Das Interesse an der Geschichte und an der kulturellen Bedeutung des Gebirgsschützenwesens und das damit zusammenhängende Engagement von Leo Weber waren auch Anlass für die Ehrung durch den Bund der bayerischen Gebirgsschützen. Die Gemeinde Benediktbeuern machte den angesehenen und beliebten Erforscher der örtlichen Geschichte anlässlich des 80. Geburtstags im Jahre 2008 zu ihrem Ehrenbürger. Neben seinen Aufgaben an der Hochschule und in der Erforschung und fachlichen Vermittlung historischen und kulturellen Wissens wirkte Pater Weber immer auch als Seelsorger und nahm entsprechende Aufgaben gerne und mit großem Einsatz wahr. Als echtem Salesianer Don Boscos war ihm besonders die Förderung der Jugend ein großes Anliegen.
Ein Kirchenhistoriker, der in Benediktbeuern lebt und lehrt, kommt gar nicht umhin, auch das „benediktinische Jahrtausend“ des Klosters vom 8. bis zum 18. Jahrhundert in den Blick zu nehmen und zu bearbeiten. Dies galt schon für Pater Dr. Karl Mindera SDB (1906–1973), der Leo Webers Vorgänger als Benediktbeurer Klosterhistoriker gewesen ist und der gleichfalls der Benediktinerakademie angehört hat. Aufgrund seiner Arbeiten und Interessen war auch Leo Weber für die Aufnahme in unsere Akademie prädestiniert; sie ist 1989 erfolgt. Er hat sich gern an den Unternehmungen insbesondere der historischen Sektion beteiligt und, abgesehen von den von Krankheit geprägten letzten Lebensjahren, regelmäßig an den Veranstaltungen teilgenommen. Bei den Sektionstagungen konnte wiederholt seine kunsthistorische Kompetenz zur Geltung kommen, wenn er die Führung der Exkursionen übernahm und den Teilnehmern die besichtigten Objekte überaus kundig erschloss. Er hat dazu beigetragen, dass die Sektionstagung im Jahre 2002 in Benediktbeuern gehalten wurde, und an der Organisation dieser Veranstaltung mitgewirkt (vgl. SMGB 114, 2003, S. 533 f.). Bei der neuen Ausgabe des Bayern-Bandes im Rahmen des Akademie-Projekts Germania Benedictina ist ihm der Artikel zu Benediktbeuern zu verdanken (Männer- und Frauenklöster der Benediktiner in Bayern, bearb. v. M. Kaufmann u. a. [GermBen 2], 2014, S. 293–322). Seine menschlichen und fachlichen Qualitäten machten ihn zu einem sehr geschätzten Mitglied der Akademie.
Die Bayerische Benediktinerakademie und ihre historische Sektion, der Pater Leo Weber SDB drei Jahrzehnte lang angehört hat, blicken dankbar auf dessen Leben und Wirken und bewahren ihm ein ehrendes Andenken.

Stephan Haering OSB, München/Metten