2018

Prof. Dr. Rudolf Schieffer (31. Januar 1947 – 14. September 2018)

„70 Jahre in 30 Minuten“ – unter diesem Titel erzählte Rudolf Schieffer, der gewöhnlich mit persönlichen Bemerkungen sehr zurückhaltend war, aus seinem Leben, als er 2017 in Bonn seinen 70. Geburtstag feierte. Mit feinem Humor stellte er eigene Lebenserinnerungen in den Kontext der Geschichte, deren Erforschung er seine ganze Kraft gewidmet hatte. Seit wenigen Jahren erst im Ruhestand, genoss er es, endlich ganz selbstbestimmt arbeiten zu können. Niemand ahnte, wie wenig Zeit ihm dazu bleiben sollte. Im September 2018 ist er nach kurzer Krankheit, aber doch überraschend in seiner Bonner Wohnung gestorben.
Rudolf Schieffer wurde am 31. Januar 1947 in Mainz als Sohn des Mittelalterhistorikers Theodor Schieffer (1910-1992) und dessen Ehefrau Annelise geb. Schreibmayr (1915-1981) geboren. Seit 1954 wuchs er mit zwei jüngeren Schwestern in Bad Godesberg auf, wo die väterliche Familie alteingesessen war. Verwurzelt in einem ausgeprägt katholischen Elternhaus, legte er am dortigen Aloisiuskolleg der Jesuiten 1966 das Abitur ab. Rudolf Schieffer führte sein Leben aus einem tiefen Glauben. Dieser mag ihn, kaum über vierzigjährig, durch zwei schwere gesundheitliche Krisen getragen haben.
Schon als junger Gymnasiast begeisterter Lateiner, studierte er von 1966 bis 1971 Geschichte und Latein in Bonn und Marburg. Er entschied sich nach eigenem Bekunden für die mediävistische Geschichtswissenschaft, weil er in diesem Fach sein kirchengeschichtliches Interesse am besten verfolgen konnte. Rudolf Schieffers respektgebietend umfangreiches wissenschaftliches Werk, das mit gleich vier Aufsätzen 1971 im Jahr des Staatsexamens einsetzte, darunter einem grundlegenden zum Register Papst Gregors VII., umspannt hauptsächlich die Zeit von der christlichen Spätantike bis zum 12. Jahrhundert. Es greift aber auch darüber hinaus, so etwa mit einer Studie zum Bischofsamt des Albertus Magnus oder Beiträgen zur Mediävistik des 19. und 20. Jahrhunderts. Seine Manuskripte schrieb er bis zuletzt von Hand, formulierte im ersten Anlauf druckreif, wie man in öffentlichen Bibliotheksräumen, die er dabei häufig nutzte, beobachten konnte. Thematisch reizten Rudolf Schieffer vornehmlich Probleme der kirchlichen Rechts- und Verfassungsgeschichte, deren Verflechtung mit der politischen Geschichte sowie quellenkundliche Fragen, besonders wenn sie einen frischen Blick auf traditionelle Forschungsthemen freigaben.
Nachmals Experte für die Karolingerzeit, promovierte Rudolf Schieffer, der als Doktorand dienstlich am Seminar für Alte Geschichte einen großen Indexband zur Aktenüberlieferung der spätantiken Reichskonzilien erarbeitete, 1975 in Bonn bei Eugen Ewig über „Die Entstehung von Domkapiteln in Deutschland“. Er zeigte, dass sich der Kathedralklerus an den bis zum Anfang des 10. Jahrhunderts errichteten Bischofskirchen abhängig von der jeweiligen Genese der Bischofssitze entwickelte und unterschied fünf regionale Entwicklungsformen. Teils kam dabei monastischen Einflüssen große Bedeutung zu. So stand in den Bistümern der angelsächsischen Mission ein Domkloster am Anfang, während die Kirchenorganisation in Bayern an bestehende Klöster anknüpfte. Ebenso maßgeblich waren seine Erkenntnisse zur Wirkungsgeschichte der Aachener Regel für Kanoniker, die er als Ausdruck des Versuchs deutete, monastische und kanonikale Lebensweise klar zu trennen, obschon sie gleichzeitig auf eine Monastisierung des Klerus zielte.
Schon früh waren Rudolf Schieffers Leben und Wirken mit den Monumenta Germaniae Historica verbunden. 1975 ging er als Mitarbeiter des Instituts nach München. Aus diesem Lebensabschnitt rührte seine editorische Beschäftigung mit den Briefen und Schriften Hinkmars von Reims, der eine führende Rolle im Episkopat und der Politik des Westfrankenreichs spielte. Erschienen sind 1980 eine zweisprachige Ausgabe von „De ordine palatii“, eines Traktats zum Herrschaftsaufbau und der königlichen Amtsführung, sowie 2003 eine Edition von Streitschriften, die im Zuge von Konflikten Hinkmars mit seinem Suffragan Hinkmar von Laon um Kirchenbesitz und die Kompetenzen der Metropoliten verfasst wurden. Nur wenige Wochen vor seinem Tod legte Rudolf Schieffer einen Teilband der großen Briefedition vor, die er frei von beruflichen Verpflichtungen bald hatte vollenden wollen. Vermutlich interessierte ihn am „Charakterkopf“ Hinkmar auch, dass er sich in gewissem Maß als geschichtlich handelnder Mensch biographisch fassen lässt. Dies gilt auch für Gregor VII., die andere Persönlichkeit, mit der sich Rudolf Schieffer vielfach wissenschaftlich auseinandersetzte. Bemerkenswert, dass er schon in jungen Jahren 1978 einen „Versuch über die historische Größe“ wagte. 2010 publizierte er zu Gregor VII. ein biographisches Taschenbuch, das auf aktuellem Forschungsstand ein breiteres Publikum ansprach. Vor allem aber beschäftigte sich die 1979 in Regensburg eingereichte Habilitationsschrift „Die Entstehung des päpstlichen Investiturverbots für den deutschen König“ mit dem berühmten Papst. Darin kam er zu dem viel diskutierten Ergebnis, dass die Investiturfrage nicht der entscheidende Auslöser für den Ausbruch des Konflikts zwischen Papst Gregor VII. und dem deutschen König Heinrich IV. war, sondern die Bischofsinvestitur durch weltliche Herrscher erst 1078 grundsätzlich verboten wurde.
1980 übernahm Rudolf Schieffer mit nur 33 Jahren einen Lehrstuhl an der Universität Bonn. Wissenschaftliche Arbeit, Lehre und außeruniversitäres Engagement für sein Fach waren ihm gleichermaßen wichtig, immer getragen von spürbarer Leidenschaft für die Sache. Ich habe ihn 1982 als jungen Professor kennengelernt. Seine Epochenvorlesungen zogen ein großes Publikum an. Sie eröffneten vielen einen faszinierenden Zugang zum weitgehend unbekannten Mittelalter. Am Ende stand ein umfassender Überblick über den Stoff. Wer im Selbststudium den Literatur- und Quellenangaben der Blätter zu den Vorlesungen folgte, erhielt eine profunde Einführung in die Wege der Forschung. In Übungen und Seminaren hielt er die Studierenden durch akribische Arbeit an lateinischen Quellen in Atem und vermittelte vor allen historischen Einsichten eine von Textüberlieferung und Quellenkunde ausgehende Methode. 29 Frauen und Männer begleitete Rudolf Schieffer als Doktorvater mit großzügigem Einsatz. Er schlug Themen aus seinen bevorzugten Arbeitsfeldern vor, Darstellungen und Editionen, verschloss sich aber auch nicht anders gelagerten Interessen seiner Schülerinnen und Schüler.
1994 zog Rudolf Schieffer ein zweites Mal nach München, um das Amt des Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica anzutreten, deren Zentraldirektion er seit 1983 angehörte. Mit dem Amt war eine Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität verbunden. Es ist wohl auf die reduzierten Lehrverpflichtungen zurückzuführen, dass die meisten von Schieffers Doktorandinnen und Doktoranden Bonner Wurzeln haben. In seiner neuen Funktion war er als Herausgeber für das renommierte „Deutsche Archiv“ verantwortlich. Welchen Stellenwert er dieser Fachzeitschrift einräumte, bezeugen nicht zuletzt die über 3000 Rezensionen, die er im Laufe seines Gelehrtenlebens zum Besprechungsteil beisteuerte. Die Präsidentschaft gab Rudolf Schieffer die Möglichkeit, die Erforschung der mittelalterlichen Geschichte nach eigenen Vorstellungen zu fördern und sein Fach in Wissenschaft und Öffentlichkeit zu repräsentieren. Bis zum Eintritt in den Ruhestand 2012 leitete Rudolf Schieffer das Editionsunternehmen von international exzellentem Ruf.
Eine besondere Stärke des in Wort und Schrift virtuosen Stilisten Rudolf Schieffer waren historiographische Synthesen. Zur „Rheinischen Geschichte“ etwa trug er das Kapitel über die späte Salierzeit bei. Für die Neuauflage von Gebhardts „Handbuch der deutschen Geschichte“ verfasste er den Band über „Die Zeit des karolingischen Großreichs 714-887“. Sein 1992 zuerst erschienenes Standardwerk „Die Karolinger“ erlebte 2014 eine 5. erweiterte Auflage. In der „Geschichte Europas“ stammt von ihm der Band „Christianisierung und Reichsbildungen. Europa 700-1200“, über die Zeitspanne also, mit der er sich jahrzehntelang in europäischer Perspektive auseinandergesetzt hatte. Es war ihm ein Anliegen, Geschichte, in diesem Fall die Entstehung der staatlichen und kulturellen Vielfalt Europas, einem breiteren Publikum verständlich zu machen. Deswegen hielt Rudolf Schieffer, der im Wissenschaftsbetrieb ein gefragter Referent war, häufig und gern Vorträge auch in außeruniversitärem Rahmen. Immer wieder unterstützte er Museen, nicht nur in Paderborn, Magdeburg und Aachen, als Ratgeber und Autor bei Ausstellungen zu mittelalterlichen Themen.
Aufgaben in Beiräten und Kommissionen bedeutender Wissenschaftsorganisationen, Institute und Herausgebergremien wurden Rudolf Schieffer zahlreicher angetragen, als hier erwähnt werden kann. Dabei setzte er sich auf organisatorischer Ebene ebenso ein wie mit Rat in fachlichen Fragen. Wissenschaftspolitische Verantwortung übernahm er 1984 bis 1990 im Wissenschaftsrat und nach dem Fall der Mauer in einem Ausschuss zur Evaluation geisteswissenschaftlicher Institute der ehemaligen DDR. Ich erinnere mich, dass ihn die politische Umbruchszeit und auch die Erkundung der „neuen Länder“ auf Reisen stark bewegten. Seit 1992 gehörte er dem Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte an, 2005 bis 2013 als Vorstandsmitglied. Im Rückblick ist es überraschend, auf wie vielen Feldern er sich unermüdlich betätigte, ohne davon Aufhebens zu machen. So unter anderem für das Bonner Albertus-Magnus-Institut, das beim Totengedenken Rudolf Schieffers „selbstlosen Einsatz“ mit dem Hinweis würdigte, alle Editionen dieser Einrichtung trügen seine Spuren. Besonders am Herzen lag ihm die Görres-Gesellschaft, der er 1975 beigetreten ist, und deren Römisches Institut. Er war ein engagiertes Mitglied: Von 1991 bis 2016 hatte er das arbeitsreiche Ehrenamt des Generalsekretärs der Görres-Gesellschaft inne. Über ein Jahrzehnt hinweg leitete er bei der Jahrestagung auf inspirierende Weise die Sektion für Geschichtswissenschaft. Angesehene wissenschaftliche Akademien im In- und Ausland ehrten Rudolf Schieffer durch eine Zuwahl und konnten auf sein tatkräftiges Engagement für eine geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung zählen. Das Amt des Sekretars der geisteswissenschaftlichen Klasse der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste hatte er gerade erst 2017 angetreten. Für die Bayerische Benediktinerakademie war es eine besondere Ehre, dass er 2002 die Wahl zum außerordentlichen Mitglied in der Historischen Sektion annahm. Denn seine eigenen Schriften erhellten die Geschichte des früh- und hochmittelalterlichen Mönchtums auf vielfältige Weise. Zudem repräsentierte er die Monumenta Germaniae Historica, die von jeher klösterliche Überlieferung des Mittelalters der Forschung zugänglich macht. Rudolf Schieffer reiste regelmäßig zu den Jahrestagungen der Historischen Sektion, die er mehrmals durch Vorträge bereicherte. Sichtlich gern beteiligte er sich in diesem Kreis an Liturgie, Besichtigungen und Geselligkeit. Er beriet das Projekt des Handbuchs der benediktinischen Ordensgeschichte und wollte es als Autor unterstützen.
Als Ruheständler kehrte Rudolf Schieffer nach Bonn zurück, wo er sich beheimatet fühlte und alte Freundschaften pflegte. Themen der rheinischen Geschichte findet man unter seinen Publikationen übrigens zahlreich und dies gewiss nicht allein, weil die Rheinlande ein Kernraum der Reichsgeschichte waren, sondern aus einem ureigenen Interesse. Neben vielfältigen Aktivitäten nahm er sich weiterhin Zeit, mit spitzem Bleistift Manuskripte derer durchzusehen, die ihn darum baten, aber auch für regelmäßige Besuche bei alten und kranken Weggefährten. Mir wird er als Ausnahmeerscheinung in Erinnerung bleiben, erfüllt von seiner Arbeit und liebenswürdig in jeder Begegnung.

Anja Ostrowitzki, Bonn