1990

P. Prof. Dr. phil. Paulus Weissenberger OSB (14. Januar 1902 – 26. Dezember 1990)

Die Historische Sektion der Bayerischen Benediktinerakademie gedenkt ihres am Fest des hl. Stephanus im vergangenen Jahr, dem 26. Dezember 1990, im 89. Lebensjahr, im 58. Jahr nach der Ablegung der Ordensgelübde und im 53. Jahr seines Priestertums verstorbenen Mitgliedes Prof. Dr. P. Paulus Weissenberger OSB aus der Abtei Neresheim. P. Paulus konnte nach Prof. Dr. Otto Meyer mit seiner Aufnahme in die Bayerische Benediktinerakademie im Jahre 1964 auf die zweitlängste Mitgliedschaft unter den außerordentlichen Mitgliedern der Akademie zurückblicken.
Albert Weissenberger wurde am 14. Januar 1902 in Kipfenberg im Altmühltal, auf benediktinischem Boden bei Eichstätt geboren. Nach dem Abitur trat er 1921 in das kurz zuvor wiederbegründete Neresheim ein, erhielt den Ordensnamen Paulus und legte dort am 28. September 1922 in die Hand des Gründungsabtes Dr. Bernhard Durst die ersten Mönchsgelübde ab. Seine Studien absolvierte er zwischen 1922 und 1927 in Maria Laach und Beuron. 1925 legte er die ewigen Gelübde ab, am 24. September 1927 empfing er die Priesterweihe. Am Bayerischen Staatsarchiv in München erhielt er eine archivalische Ausbildung und studierte an den Universitäten München und Würzburg Kunstgeschichte. 1932 promovierte er an der letzteren Universität bei Fritz Knapp mit einer Arbeit über die Kirche Balthasar Neumanns in Neresheim, die 1934 in erweiterter Form in der renommierten Reihe der „Darstellungen aus der württembergischen Geschichte“ unter dem Titel „Baugeschichte der Abtei Neresheim“ als bis heute gültiges Werk erschienen ist.
Im Kloster wurden P. Paulus nach seiner Priesterweihe zuerst die Ämter des Sakristans und des Zeremoniars übertragen. Während des Zweiten Weltkrieges pastorierte er zwei Gemeinden, zunächst für ein Jahr Hohenfeld in Kärnten, dann von 1941 bis 1946 Mönchsdeggingen. Von dort aus betreute er zeitweise das reichhaltige Archiv des mit der Geschichte der Abtei eng verbundenen Fürstenhauses Öttingen-Wallerstein im Schloss Wallerstein. Von 1954 bis 1966 versah er gewissenhaft das Amt eines Priors und Novizenmeisters in seiner Abtei.
Sein zentrales Arbeitsfeld aber waren Bibliothek und Archiv seines Klosters. Von 1935 bis zu seinem Tode waren sie ihm für rund ein halbes Jahrhundert anvertraut. Unter ihm ist der Bestand der neuen Klosterbibliothek auf rund 100 000 Monographien und Zeitschriften angewachsen; jeder, der selbst einmal eine Bibliothek aufbauen musste, wird die dahinterstehende immense Arbeitsleistung zu wiirdigen wissen. In mehreren Aufsätzen, zuletzt in der „Schwäbischen Heimat“ von 1981, hat er über Geschichte, Gestalt und Bestand der Neresheimer Bibliothek Rechenschaft abgelegt.
Der wissenschaftlichen Fachwelt und der geschichtsinteressierten Öffentlichkeit ist P. Paulus präsent durch ungemein breite Publikationstätigkeit. Ein rundes Dutzend von Monographien und etwa 400 Studien aus den Bereichen Kirchen-, Ordens-, Kunst- und Kulturgeschichte entstammen seiner Feder. Sein Heimatkloster, die Geschichte des Härtsfeldes, dessen Pfarreien und Wallfahrtskirchen sowie benachbarte Abteien und Klöster standen im Zentrum seines Schaffens. Mehrere Monographien waren der Geschichte Neresheims gewidmet, für Dunstelkingen, Eglingen und Wallerstein verfaßte er Pfarrgeschichten. Dem Beuroner monastischen Ideal war die Monographie „Benediktinisches Mönchtum im 19. und 20. Jahrhundert“ verpflichtet. Von der Neresheimer Geschichte ausgehend, traten die Niederschwäbische Kongregation, das Bistum Augsburg, die Universität Dillingen, das Wallfahrtswesen, klösterliche Wirtschaftsgeschichte und Kunstgeschichte in sein Blickfeld.
P. Paulus war ein geschätzter Autor ebenso in angesehenen landesgeschichtlichen Zeitschriften Württembergs, Bayerns, Bayerisch-Schwabens, Frankens und des Elsaß wie auch in den kirchengeschichtlichen Periodica Römische Quartalschrift, Analecta Praemonstratensia, der Benediktinischen Monatsschrift sowie der Studien und Mitteilungen. Dazu sind Abhandlungen zu den historischen Hilfswissenschaften und zu archivalischen Themen in der „Archivalischen Zeitschrift“ erschienen. Mehrfach hat er Quellen zur Geschichte südwestdeutscher Klöster im Druck zugänglich gemacht. Es war ihm ein Anliegen, sein fundiertes Wissen nicht nur in Fachzeitschriften zu publizieren, sondern seine Forschung auch in Heimatbeilagen, Gemeindeblättern und Tageszeitungen einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen, so dass seine Beschäftigung mit Geschichte auch einen starken didaktischen Zug hatte.
Dank seiner über ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit als Historiker kann sich sowohl die alte Reichsabtei Neresheim wie die 1921 neu gegründete Abtei zu den am intensivsten erforschten Klöstern des südwestdeutschen Raumes zählen. P. Paulus Weissenberger hat damit im besten Sinne die historiographische Tradition seines Ordens fortgeführt. Seine wissenschaftliche Leistung wurde 1983 mit der Verleihung des Ehrentitels „Professor“ durch den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewürdigt. Schon zuvor war er 1977 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Die Bayerische Benediktinerakademie wird ihn als einen ihrer großen Historiker in Erinnerung behalten.

Franz Quarthal, Stuttgart

P. Dr. theol. Benedikt Busch (27. September 1909 – 27. Mai 1990)

In der Frühe des Sonntags nach Christi Himmelfahrt, 27. Mai, als seine Mitbrüder die Laudes sangen, gab im Krankenhaus zu Passau unser lieber Mitbruder P. Benedikt Busch sein Leben in die Hände des Schöpfers zurück. Er stand im 81. Lebensjahr, im 60. seiner Ordensprofess und im 57. seines Priestertums.
P. Benedikt wurde am 27. September 1909 in München geboren. Er war das dritte von sechs Kindern des akademischen Bildhauers Georg Busch und seiner Ehefrau Maria geb. Mayer. In der Taufe erhielt er den Namen seines Vaters. Zeitlebens war P. Benedikt dankbar für das große Glück, von seinen Eltern nicht nur die Liebe zur Kunst, Musik und Literatur, sondern auch eine tiefe Religiosität empfangen zu haben. 1919 trat der vielseitig talentierte Knabe in das Humanistische Gymnasium unserer Abtei ein, wo er sich nicht nur in den wissenschaftlichen Fächern, sondern auch in Musik, Sport und Theater auszeichnete. Nach der Reifeprüfung im Jahre 1928 begab er sich zum Philosophiestudium an die Jesuitenhochschule Canisianum in Innsbruck, sicherlich auch, um sich in räumlicher Distanz von Metten über seine Berufung zum Mönchtum klarzuwerden. 1929 bat er den von ihm hochverehrten Abt Willibald Adam um Aufnahme ins Kloster. Ein Jahr später, am 14. Oktober 1930, legte er die Profess ab und erhielt von Abt Corbinian Hofmeister den Ordensnamen Benedikt, eine Auszeichnung, die er als Verpflichtung auffasste, ein „vir benedictus“ zu werden. Das Studium der Philosophie und Theologie absolvierte er an der Hochschule der Benediktiner S. Anselmo in Rom. 1936 schloss er es mit der Promotion ab. Das Thema seiner theologischen Doktorarbeit lautete: „De initiatione christiana secundum doctrinam St. Augustini.“
Inzwischen war P. Benedikt am 16. Juli 1933 vom Regensburger Bischof Michael Buchberger zum Priesier geweiht worden und hatte – weniger seiner Neigung, aber dem Wunsche des Abtes entsprechend – das Studium der Schulmusik in München aufgenommen. Nach dem Staatsexamen 1937 übernahm er als junger Referendar den Musikunterricht am Mettener Gymnasium; freilich zunächst nur für kurze Zeit. 1939 verfügte die nationalsozialistische Regierung die Schließung der Schule. Bald danach begann der Krieg, in dem P. Benedikt als Sanitäter, später auch als Dolmetscher in Italien eingesetzt war. Erst 1945 konnte er wieder in seine geliebte Klosterheimat zurückkehren. Nun lag der gesamte Musikunterricht in seiner Hand, bis ihn ein jüngerer Mitbruder, P. Walter Ringlstetter, in dieser Aufgabe ablösen konnte. Endlich war es P. Benedikt vergönnt, sich einen Herzenswunsch zu erfüllen: als Fünfzigjähriger wurde der bewährte Lehrer noch einmal zum Schüler und studierte an der Universität Würzburg die klassischen Sprachen. Nach dem erfolgreichen Staatsexamen unterrichtete er bis 1984 an unserem Gymnasium in den Fächern Latein, Griechisch, Deutsch und Religionslehre.
So gern sich P. Benedikt dem Unterricht und der Erziehung junger Menschen widmete, so bereitwillig übernahm er auch klösterliche Aufgaben wie Kantor, Novizenmeister, Klerikermagister. Für die jüngere Generation ist er einfach „der Prior“; denn in diesem wichtigen Amte diente er seit 1960 vier Äbten in vorbildlicher Loyalität: seinem einstigen Lehrer Corbinian, seinem Mitschüler Augustinus, seinem Schüler Emmeram und seinem Nachfolger als Präses der Marianischen Kongregation Wolfgang. So wurde er für drei Jahrzehnte der Garant der Kontinuität in unserem Hause, gewissenhaft darauf bedacht, die guten Traditionen zu wahren, aber auch immer empfänglich für neue Ideen und Entwicklungen innerhalb der Kirche und des Ordens. Ausgerüstet mit reichem theologischen Wissen (hier blieb Augustinus zeitlebens sein Meister), tief verwurzelt in benediktinischer Spiritualität und mit feinem Gespür für menschliche Nöte begabt, konnte er den Mitbrüdern wie auch vielen Menschen außerhalb des Klosters geistlichen Beistand gewähren.
Trotz seiner Arbeitslast drängte es den Priester P. Benedikt zur Seelsorge: zunächst als Spiritual im Internat und als Präses der Marianischen Kongregation; seit 1964 hielt er regelmäßig Gottesdienst in unserer Nachbarpfarrei Neuhausen wie in den Filialkirchen Offenberg, Buchberg und Breitenhausen, wo er sich vor allem auch der Kranken annahm.
Da mussten die wissenschaftlichen Neigungen zurückstehen. Immerhin stellte er sich als Mitglied der Bayerischen Benediktinerakademie gerne als Referent für theologische Tagungen zur Verfügung. Seit er 1965 die Leitung unserer Stiftsbibliothek und des Archivs übernommen hatte, wandte sich sein wissenschaftliches Interesse immer mehr der Geschichte zu. Als Mitglied des Deggendorfer Geschichtsvereins veröffentlichte er mehrere Beiträge zur jüngeren Geschichte unseres Hauses.
Dass er dieses gewaltige Arbeitspensum bewältigen konnte, ohne in ungesunde Hektik zu verfallen, und es mit seinen monastischen Pflichten in Übereinstimmung zu bringen wusste, führte P. Benedikt selbst auf die im Elternhaus eingeübte Selbstdisziplin zurück. Gott hatte ihm freilich auch die Gnade einer guten Gesundheit geschenkt. Bis zum 80. Lebensjahr kannte er kein Ermüden. Erst dann wurden seine Schritte kürzer, seine Haltung gebeugter, und sehnte er sich danach, einige Lasten auf jüngere Schultern verteilen und ein paar Jahre beschaulichen Ruhestandes genießen zu dürfen. Doch eine heimtückische Krankheit, die er wohl schon länger in sich trug, zwang ihn Ende März, das Krankenhaus aufzusuchen. Mitte Mai war es ihm vergönnt, für einige Tage in seine Zelle zurückzukehren, um sein Haus zu bestellen. Zur weiteren ärztlichen Behandlung nach Passau gebracht, verfielen seine körperlichen Kräfte sehr rasch und erloschen am Morgen des 27. Mai ganz. Am 30. Mai haben wir unseren lieben Mitbruder im Klosterfriedhof zur ewigen Ruhe gebettet, das Requiem hielt Kardinal Augustinus Mayer.

Abt und Konvent von Metten