2021

Abt Emmeram (Rudolf) Geser (22. Oktober 1938 – 19. Dezember 2021)

Abt Emmerams Wiege stand in der Bischofsstadt Regensburg, wo er am 22. Oktober 1938 in der Privatklinik von Dr. Franz Zeitler den dankbaren Landwirtseheleuten Michael und Theresia Geser, geb. Holzer aus Mangolding, freudig in die Arme gelegt wurde. Nach dem Empfang des Taufsakramentes am 26. Oktober 1938 führte die erste Fahrt alsbald auf das stattliche Heimatanwesen in Rempelkofen, zur Pfarrei und Gemeinde Mintraching gehörig, wo die Vorfahren Mitte des 18. Jahrhunderts ansässig wurden.
Die Pfarrei „St. Mauritius“ – die Benediktinerabtei Niederaltaich war hier seit dem 12. Jahrhundert bis zur Säkularisation 1803 wichtiger Grundherr – weist in ihrer Chronik überaus zahlreiche Priester- und Ordensberufe auf. Das Professbuch der Benediktinerabtei Metten erwähnt P. Maurus Kammermayer (1728–1772) und P. Dr. Willibald Freymüller (1807–1890). Seit der Priesterweihe von P. Emmeram Geser 1964 benannte man ein „Mintrachinger Dreigestirn“ mit P. Moritz Schrauf, St. Ottilien (1891–1974) und P. Dr. Herbert Folger, Schweiklberg (1909–1973).
Die Arbeitsabläufe auf dem großen Anwesen in Haus, Feld und Stall haben bei Rudolf sein kindlich wachsames Interesse geweckt und ihn beständig die Abhängigkeit und die Einflüsse der Witterung auf gute oder schlechte Ernten beobachten lassen. Die Einschulung in der Volksschule Mintraching wurde von wiederholten düsteren Überfällen auf das entlegene Gehöft und dessen Bewohner getrübt, so dass die Eltern die verängstigte Kinderseele nicht länger belasten wollten und für einen Platz im Volksschulinternat Fürstenstein, Diözese Passau, sorgten. Von dort kam Rudolf Geser 1949 an das Gymnasium der Mettener Benediktiner.
Seine Lehrer und Mitschüler erlebten ihn als aufgeschlossenen Schüler und als heiteren, selbstlosen Kameraden, dessen Hilfe vielfach in Anspruch genommen wurde und der es verstand, bei der damals langen Verweildauer im Klosterseminar die Präfekten mit seinem frohen Gemüt bei guter Laune zu halten. Aus diesen Jahren hat er für die Samstage zeitlebens den Brauch mitgenommen, nach dem Einläuten des Sonntags möglichst nicht mehr anstrengend zu „studieren“, sondern zur Vorbereitung auf den Tag des Herrn lediglich zu „lesen“. Als 1955 Räume für ein neues Juvenat geschaffen worden waren, zog er als erster ein; zunächst allerdings, um das Amt eines Hilfspräfekten für die Kleinen im Klosterseminar zu übernehmen. Die Anhänglichkeit an seine Heimat hat er niemals verloren, erst recht seit dem schmerzlichen Abschied von seiner erst 44jährigen Mutter am 5. Oktober 1951, Rudolf Geser besuchte damals die 3. Gymnasialklasse. Die tiefen Eindrücke von deren Ableben haben ihn ein Leben lang nicht losgelassen.
Schon vor dem erfolgreich bestandenen Abitur 1958 galt er als sicherer Klosterkandidat. Nicht nur der liebe Gott, sondern viele seiner Mitschüler und ehemaligen Lehrer erwarteten wie selbstverständlich seinen entschlossenen Eintritt in die Benediktinerabtei Metten. Der Entscheidung zum Klostereintritt und zur treuen Einhaltung der Ordensgelübde war dennoch eine tiefe, gründliche Selbsteinschätzung vorausgegangen, die er im Aufnahmegesuch vom Bonaventuratag 1958 an Abt Corbinian Hofmeister (+ 1966) im Hinblick auf die gestrenge Klosterobservanz anklingen ließ: „Ich bin durch P. Erminold vollkommen unterrichtet über die schwere Bürde, die mir damit auferlegt wird, und hoffe, dass ich diesen Weg mit Gottes Hilfe so gehe, wie mich der Herrgott bisher sichtlich geführt hat“. Am Ankunftstag, den 1. Oktober 1958, traf er wieder mit seinem vertrauten Mitschüler P. Rupert (Walter) Fischer (1939–2001) zusammen, der jahrgangsältere Novize P. Wolfgang (Karl) Witt (1912–1973) befand sich schon seit Juli im Noviziat. Nach der Triennalprofess am 12. Oktober 1959 ging die Reise der beiden Jungmönche in die Ewige Stadt, wo sie an der Benediktinerhochschule „Sant‘ Anselmo“ drei Mettener Konventualen vorfanden, denen sie in der Heimatabtei noch wenig begegnet waren: als Rektor und Prior P. Dr. Augustin Mayer, als Professoren P. Dr. Beda Thum (+ 2000) und P. Dr. Edmund Beck (+ 1991). Frater Emmeram begann eifrig, sowohl das internationale benediktinische Leben in Kolleg und Hochschule „Sant‘ Anselmo“, als auch das päpstliche Rom und die benediktinischen Traditionsorte kennenzulernen. Nach der Teilnahme an der Bischofsweihe des neuen deutschen Nuntius Corrado Bafile am 19. März 1959 in der „Capella Sixtina“ meldete er nach Metten in einer für ihn bezeichnenden Anmerkung: „Der neue Nuntius ist recht schlank, um nicht zu sagen dünn, und kann eine gründliche Auffutterung in deutschen Landen schon vertragen“. Allerdings endete diese Zeit in Rom während des zweiten Semesters, als der plötzliche, unverschuldete Unfalltod des eben 60jährigen Vaters am 15. April 1960 einen längeren Heimataufenthalt erzwungen hatte. Um für die weiteren Studien nichts zu versäumen, bot sich die näher gelegene Universität Salzburg mit dem Benediktinerkolleg „St. Benedikt“ an, wo sich Frater Emmeram um den Neuaufbau der Bibliothek kümmerte und hier wie in Rom lebenslange Bekanntschaften und treue Freundschaften geknüpft hat.
Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, am 20. Dezember 1964, erteilte ihm der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Graber in der Klosterkirche St. Michael in Metten die Priesterweihe, einen Tag später legte sich tiefe Trauer und Bestürzung über den Neupriester und den ganzen Konvent durch den Unfalltod des vorbildlichen jungen Mitbruders Frater Maurus Fleischmann (1941-1964). Bei der feierlichen Primiz an Neujahr 1965 bot aber die Heimatpfarrei Mintraching alles auf, um trotz winterlicher Verhältnisse ihren Dank für die Berufung und die Treue des Neupriesters zur Heimat gebührend zu vergelten. Als Primizprediger war P. Edelbert Hörhammer von der Abtei Ettal eingeladen, dessen spätere Abtwahl 1973 die schon bestehende Verbundenheit seit der kurzen Zeit in Rom zusätzlich festigte.
In seiner Sorge um künftige Lehrer für das Gymnasium schickte nun Abt Corbinian Hofmeister (+ 1966) den begabten jungen Pater zum Studium der Klassischen Philologie nach Würzburg (1964/65), allerdings mit einer Unterbrechung (1965/66) für eine Aushilfe als Präfekt und Aushilfslehrer für Latein in Metten. Dann aber duldete es keine weiteren Verzögerungen, lediglich in den Ferien stand er von jetzt an daheim in Diensten, vor allem als Urlaubsvertretung des Pfarrers von Metten (1968–1971). So konnte P. Emmeram im Mai 1971 das Erste Staatsexamen für die Fächer Latein, Griechisch und Deutsch mit vollem Erfolg ablegen, besiegelt mit einer Zulassungsarbeit über ein Werk des Kirchenvaters Cyprian. Seine Freude war überaus groß, dass er seine Referendarzeit ab dem Schuljahr 1971/72 im Heimatkloster verbringen durfte, wo ihn Abt Dr. Augustinus Mayer (1966–1971) zugleich zum stellvertretenden Novizenmeister ernannte.
Aber einer ruhigen Weiterentwicklung war keine Gelegenheit geschenkt. Papst Paul VI. holte den eben sechzigjährigen Abt Dr. Augustinus Mayer (1966–1971) nach einer kurzen, aber sehr segensreichen Episode von fünf Jahren in der Heimatabtei wieder in die Ewige Stadt für die Religiosenkongregation an der römischen Kurie zurück. Die Vertrauenserweise für die so kurzfristig erforderliche Nachfolge richteten sich immer mehr auf P. Emmeram, bis er mit sehr bewegter Stimme am 3. November 1971 in die überzeugende Wahl einwilligte. Dem jungen Studienreferendar, der sich eigentlich auf das Zweite Staatsexamen vorbereiten sollte, war plötzlich eine ungeahnt vielseitige Beanspruchung und Verantwortung zugewachsen. Als „Studienassessor“ wollte er von da an am Gymnasium mithelfen, so lange man ihn brauchen könne.
Die Abtweihe am 18. Dezember 1971 durch Bischof Dr. Rudolf Graber – seinerseits wie ein väterlicher Freund sehr davon angetan, dass er nur sieben Jahre nach der Priesterweihe nun zur Abtsbenediktion nach Metten kam – war ein adventlicher Tag voll froher Hoffnungen und Erwartungen auf das bevorstehende Weihnachtsfest und die zu erwartende Bischofsweihe des Vorgängers.
Als junger Abt für das uralte Kloster durfte sich Abt Emmeram – soweit feststellbar – in die Reihe der drei jüngsten Mettener Äbte stellen: Abt Johannes Christoph Guetknecht trat 1628 mit 32 Jahren sein Amt an und führte das Kloster siebzehn Jahre lang in der äußerst schwierigen Zeit des 30jährigen Krieges. Abt Willibald Adam, 1905 gewählt, im Amt bis 1929, war ebenfalls 32 Jahre alt. Abt Emmeram nun zählte gerade 33 Jahre bei der Übernahme des Amtes. Alle drei „Jünglinge“ hatten gemeinsam, dass ihre Wahl durch „Versetzung“ eines herausragenden Vorgängers erforderlich war: 1628 gab Abt Johannes III. Nablas die Leitung der Abtei Metten ab, die er seit 1595, dann seit 1623 zugleich Abt von St. Emmeram in Regensburg, in Personalunion geführt hatte. Abt Willibald Adam trat 1905 für 24 Jahre die Nachfolge des zum Bischof von Eichstätt berufenen Abtes Leo Mergel (1898–1905) an; und schließlich Abt Emmeram Geser, der dem nach Rom als Sekretär der Religiosenkongregation berufenen, 1972 zum Titular-Erzbischof geweihten und 1985 zum Kardinal kreierten Abt Augustinus folgte.
Diese Berufungsgeschichten erlauben einen Vergleich mit den „drei Jünglingen im Feuerofen“, denn auf jeden warteten in der Nachfolge höchst profilierter Vorgänger Aufgaben und Bewährungsproben genug, die viel jugendlichen Optimismus und unerschütterliches Gottvertrauen brauchten.
Abt Emmeram fand als „Hausaufgaben“ viele bauliche Anliegen in Schule, Klosterseminar und im Kloster selber: die Vollendung der Internatskapelle, der Neubau der Benedikt-Sporthalle, der Neubau einer Orgel in der Kloster- und Pfarrkirche, Renovierung von Festsaal und Barockbibliothek, Mithilfe bei der Erstellung des Mettener Pfarrzentrums, zudem die laufenden Erneuerungen und Wartungen, nicht zuletzt die Sanierung des Konventfriedhofes.
Dazu kam die nachkonziliare Erneuerung des Chorgebetes mit der sensiblen Suche nach einem in Deutsch und Latein ausgewogenen Offizium für den gesamten Konvent und die Sorge um die Konventualen aller Generationen. Die Mitarbeit in der Liturgischen Kommission der Salzburger Äbtekonferenz mit der umfangreichen Arbeit für das Neue Stundenbuch mit Lektionar und Homiliar kam seiner geistlichen und philologischen Vorliebe für die ehrwürdigen Texte der Kirchenväter, Kirchenlehrer und Heiligen sehr entgegen; der Vorsitz in der Arbeitsgemeinschaft der Ordensmänner in der Diözese Regensburg (AGOM, ab 1971), die Mitgliedschaft im Priesterrat (ab 1988), die Tätigkeit als 1. Visitator in der Bayerischen Benediktinerkongregation, die Mithilfe bei den Firmungen und zahlreiche Einladungen zu Fest- und Primizpredigten lassen allein von der Aufzählung her das umfangreiche Arbeitspensum zumindest erahnen. Seine Fotosammlungen erzählen von den vielen Trauungen und Taufen, nicht zuletzt von den zahlreichen Treffen ehemaliger Schülerjahrgänge. Er hat an allen diesen Begegnungen gerne und interessiert teilgenommen und hat sie mit seiner Teilnahme bereichert.
Auch das Leben eines Abtes ist kein ununterbrochenes „Pontifikalamt“. Abt Emmeram hatte ja schon in Kindheit und Jugend bittere und herbe Wermutstropfen zu schlucken: die Überfälle auf das entlegene Heimatanwesen in der Kriegszeit und die daraus erzwungene Einschulung in Fürstenstein, den frühen Tod der geliebten Mutter und den unerwarteten Tod des Vaters am Karfreitag 1960, den Abschied von ehrenwerten und verehrten Mitbrüdern.
Die einfühlsamen Lebensbilder, die er dann als Abt für seine verstorbenen Konventualen erstellte, waren mehr als Berichte, sie zeugten von tiefer Ehrfurcht, Verehrung, aber auch von wehmütigem Abschied. Obwohl der Eintritt junger Leute zunächst beruhigend wirkte, so war doch absehbar, dass nicht mehr alle Plätze im größer werdenden Lehrerkollegium und alle sechs Pfarreien besetzt werden konnten. Auch einige klösterliche Handwerksbetriebe verloren durch Alter oder den Tod von Laienbrüdern ihre klösterliche Seele.
In sein Wappenbild hatte Abt Emmeram als wesentliches Stück Kindheitserinnerung eine Fichte setzen lassen, weithin sichtbares Wahrzeichen des Heimathofes, die allerdings wegen Wassermangels verdorrte und 1966 gefällt werden musste. Das war ihm immer wieder nachdenklicher Anlass für die Vergänglichkeit alles Irdischen, erst recht 1989, da er nach einem zutiefst schmerzlichen Entscheidungsprozess den belastenden Tribut an die Wahl in so frühen Jahren leistete. Stefan Mohr hat seinerzeit einen Beitrag im „Regensburger Bistumsblatt“ (17. September 1989) so treffend überschrieben: „Er hat sich nicht geschont“. Noch einmal kommt die Erinnerung an die „drei Jünglinge im Feuerofen“, die trotz der Bedrängnis sangen: „Gepriesen bist du, Herr, unserer Väter Gott und in Ewigkeit gelobt und gerühmt in Ewigkeit“ (Dan. 3,52). Abt Emmeram hat in aller Demut und Hingabe 18 Jahre die „Last und Hitze des Tages“ ertragen.
Wie der hl. Benedikt einem Goten das Werkzeug aus dem Wasser holte und ihm auftrug „ecce labora et noli contristari“ (Siehe, arbeite weiter und sei nicht traurig), so blieben Einsatzbereitschaft und Arbeitskraft des nunmehrigen „Altabtes“ weiter erhalten: im Unterricht am Gymnasium, in der AGOM, im Priesterrat, bei Firmungen und verschieden en Einladungen in Pfarreien, in der Mitsorge für die slawische Benediktinerkongregation und als Delegat des Abt-Präses in der Abtei Weltenburg (1994–1995). Geblieben sind als „Programm“ jene Grußworte, die der neugewählte Abt 1971 an alle Freunde des Klosters Metten richtete: „Wer den neuen Abt kennt, weiß, dass er, einem alten Bauerngeschlecht entstammend, das in vielen Generationen gelernt hat, Freud und Leid mit Gleichmut aus der Hand des Gebers aller Gaben anzunehmen und die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, eine hohe Ehrfurcht hegt vor der Weisheit der Alten und dem Glauben der Väter, ohne das Interesse für die Gegenwart und vor allem die Not der Menschen gering zu achten. So glaube ich fest, dass unsere benediktinische Lebensweise auf dem Fundament des freiwilligen Gehorsams und der Stabilitas loci gerade den Menschen unserer Tage eine wertvolle Hilfe zu bieten vermag. Es hat keinen Sinn, große Pläne zu schmieden. Abt und Mönche werden im Dienst am Frieden ihre ganze Kraft einsetzen und daran glauben: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen!“ (Ps. 126).
Nach Beendigung seines geliebten Lateinunterrichtes 2001 begab sich Abt Emmeram als ein aufmerksamer und einfühlsamer Seelsorger in das Mutterhaus der Armen Franziskanerinnen in Mallersdorf, wo er schon vorher zu Ferienzeiten gerne verweilt hatte. Er wertete das auch als ein Zeichen des Dankes und der schon alten Verbundenheit des Klosters Metten für die aufopfernde und treue Mitsorge der Mallersdorfer Schwestern in Metten seit 1865. Für die Heimatabtei blieben von da an gelegentliche Aufenthalte zu besonderen Anlässen und Erledigungen. Es war ihm ein Herzensanliegen, auch bei den spürbar abnehmenden Kräften in der fürsorgenden Obhut und Zuwendung der Schwestern bleiben zu dürfen. Die Mühen eines anstrengenden Lebens, das Ertragen einer nicht durchwegs robusten Gesundheit und die fortschreitenden Jahre machten sich unwiderstehlich bemerkbar. Nach und nach wurde Abt Emmeram dreifacher Senior des Konventes nach Alter, Ordensprofess und Priesterweihe.
Als ihm in den letzten Wochen die Sprache genommen war, fühlte man sich an den alttestamentlichen Satz erinnert: „Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn“ (Klgl 3,26). Der Barmherzige Herr nahm ihn schließlich in bezeichnender Weise zwischen dem fünfzigsten Benediktionstag und dem Gedenktag der Priesterweihe so ganz lautlos und unspektakulär zu sich, wie Abt Emmeram sich das gewünscht und auch seit langem erbetet hatte. So traf am 19. Dezember 2021 jenes Loblied des hl. Ephräm auf einen verstorbenen Mönch zu: „Im Schweigen wuchs heran dein siegreicher Knecht“.
Nach einem mit dem Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer am 28. Dezember 2021 in Konzelebration gefeierten Requiem wurde der Verstorbene in der von ihm 1977 vorbereiteten Äbtegruft vor dem Sebastian-Altar der Klosterkirche würdig beigesetzt.
Abt Emmeram war Ehrenbürger der Stadt Norcia (1980), Inhaber des Bayerischen Verdienstordens (1984), Mitglied der Bayerischen Benediktinerakademie (1985).

P. Michael Kaufmann OSB, Metten

Prälat Prof. Dr. Klaus Ganzer (2. Februar 1932 – 14. Oktober 2021)

Klaus Ganzer war Schwabe. In Stuttgart am 2. Februar 1932 geboren. In jungen Jahren prägte ihn die benediktinische Spiritualität der Abtei Neresheim. Dem Theologiestudenten gab die historisch-kritische Theologie der Tübinger Schule wichtige Impulse. Am 6. April 1957 wurde er in Rottenburg am Neckar zum Priester geweiht, gemeinsam mit Walter Kasper, dem späteren Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen und Kurienkardinal in Rom; mit ihm stand er lebenslang in Verbindung.
Nach einem Vikariat in Ludwigsburg folgte ab dem Wintersemester 1958/59 ein Einsatz als Repetent für Kirchengeschichte und Kirchenrecht am Wilhelmsstift in Tübingen. Gleichzeitig erarbeitete Klaus Ganzer seine Dissertation; der Kirchenhistoriker Karl August Fink (1904-1983) hatte ihm das Thema gestellt: „Die Entwicklung des auswärtigen Kardinalats im hohen Mittelalter“. Die Quellenrecherche dafür führte ihn während der vorlesungsfreien Zeiten im Frühjahr 1960 und 1961 nach Rom, wo ihn Dr. August Schuchert (1900-1962), Honorarprofessor für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Mainz, als Rektor im Kolleg des Campo Santo Teutonico beherbergte. Fachlich begleitete ihn Prof. Dr. Walther Holtzmann (1891-1963), der damalige Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Am 19. Februar 1962 wurde Ganzer in Tübingen zum Dr. theol. promoviert. Seine Arbeit erschien 1963 als Band XXVI der Reihe „Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom“ im Verlag Max Niemeyer in Tübingen.
Dank eines Habilitationsstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft konnte er im selben Jahr nach Rom übersiedeln. Hier entstand sein Werk „Papsttum und Bistumsbesetzungen in der Zeit von Gregor IX. bis Bonifaz VIII. Ein Beitrag zur Geschichte der päpstlichen Reservationen“, mit dem er sich 1966 in Tübingen habilitierte. Das Buch kam 1968 als Band 9 der „Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht“ im Verlag Böhlau, Köln und Graz, heraus. In Rom erlebte Ganzer aus der Nähe Ereignisse wie den Tod Johannes XXIII. (1958-1963), das anschließende Konklave mit der Wahl Pauls VI. (1963-1978) sowie die zweite und dritte Sitzungsperiode des II. Vatikanischen Konzils.
Ausgestattet mit der „Venia legendi“ für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte lehrte Klaus Ganzer vom SS 1966 bis zum WS 1967/68 als Privatdozent in Tübingen. Dann wurde er als Professor an die Theologische Fakultät in Trier berufen, wo er vier Jahre wirkte, ehe er einem Ruf nach Würzburg folgte. Von 1972 bis 1999 hatte er dort den Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität inne. In dieser Zeit wohnte er auch in Würzburg. Von 1975 bis 1977 war er Dekan der Theologischen Fakultät. Die akademische Lehre war ihm ein wichtiges Anliegen. Seine Vorlesungen waren anregend und geistreich. Über ein Vierteljahrhundert prägte er mit seiner nüchternen, analytisch-klaren und reflektiert-kritischen Art, die Kirchengeschichte zu vermitteln und zu interpretieren, die in Würzburg studierenden künftigen Priester, Religionslehrerinnen und Religionslehrer, pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die Kirche begriff Klaus Ganzer nicht als festgefügte Größe, sondern als eine Institution, die auf dem Weg durch die Zeit und damit wandelbar ist. Er legte das Werden von Strukturen, Denkformen und Mentalitäten im Christentum frei und zeigte so auf, wie sich Kirche und Glaube der Gegenwart aus vielfältigen historischen Prozessen erklären. Die Kirche kann sich auch nicht einfach von dieser Gewordenheit lösen, sondern baut auf ihr auf und gewinnt aus ihr in Verbindung mit ihrem Anfang ihre Identität. Übereilte und unter Druck zustande gekommene Entscheidungen wie die Erklärung des I. Vatikanischen Konzils über die Unfehlbarkeit des Papstes und die Kanonisation Johannes Pauls II. sah er kritisch. Gern zitierte er dann Carlo Borromeo, der am 27. Januar 1563 in Anbetracht des Widerstands der französischen Konzilsteilnehmer nach Trient geschrieben hatte, man solle eine Definition des päpstlichen Primates unterlassen, denn bei einer solchen Uneinigkeit könne man kein Dogma formulieren.
Intensiv engagierte sich Klaus Ganzer in der Wissenschaftsorganisation. Er war von 1976 bis 1998 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Kirchenhistoriker im deutschen Sprachraum. Von 1989 bis 1999 leitete er die Gesellschaft zur Herausgabe des „Corpus Catholicorum“; in diesen Jahren betreute er zwölf Bände der Reihe „Reformationsgeschichtliche Studien und Texte“. Darunter waren die Akten von zwei großen Symposien zum Konfessionalisierungsparadigma (RST 135, 1995) und zu den Religionsverhandlungen auf dem Augsburger Reichstag von 1530 (RST 136, 1996). Eine gemeinsam mit der Niederländischen Akademie der Wissenschaften veranstaltete Tagung zu Idee und Wirklichkeit des „Erasmianismus“ erschien in deren Schriftenreihe in Amsterdam 1997. Von 1988 bis 2009 war Klaus Ganzer Mitherausgeber der Römischen Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte.
Als Walter Kasper 1986 die Initiative zu einer dritten, völlig neu zu bearbeitenden Auflage des „Lexikon für Theologie und Kirche“ ergriff, animierte er sechs Kollegen zur Mitherausgabe, darunter Klaus Ganzer, der die Verantwortung für den gesamten Bereich der Historischen Theologie übernahm. Im Vorwort schrieben die Herausgeber, nicht nur die vom Konzil ausgegangenen Wandlungsprozesse ließen eine Neuausgabe des LThK unabweisbar erscheinen, sondern auch der ökumenische Dialog und „die Tatsache, dass sich die Kirche mehr als bisher als Weltkirche mit autochthonen Ortskirchen erfährt, wobei sich das Schwergewicht weiter von der nördlichen auf die südliche Hemisphäre verlagert hat.“ In nur acht Jahren (1993-2001) erschien das Werk in elf Bänden mit 26.000 Artikeln von 4.150 Autorinnen und Autoren. Als Autor trug Ganzer ca. 100 Artikel von „Ablassprediger“ bis „Zelanti“ zum Gesamtwerk bei. Darunter befand sich z. B. auch Artikel über die Benediktiner Johannes Trithemius und Kassius Hallinger.
Mit der Übernahme des Würzburger Lehrstuhls war Klaus Ganzer in eine Forschungstradition eingetreten, an der schon seine Vorgänger Sebastian Merkle (1862-1945) und Theobald Freudenberger (1904-1994) mitgewirkt hatten, die Edition  der Akten des Konzils von Trient (1545-1548, 1551/1552 und 1562/1563). Er übernahm die Edition der theologischen Traktate, die bei den Arbeiten des Konzils seit dessen XXII. Session am 17. September 1562 bis zu dessen Abschluss am 4. Dezember 1563 entstanden. Mit seinem „opus magnum“, dem großformatigen, 750 Seiten zählenden Band XIII/2 des „Concilium Tridentinum“, vollendete Ganzer 2001 ein Jahrhundertwerk der Görres-Gesellschaft. Jahr um Jahr hatte er dafür einige Wochen in den römischen Archiven verbracht und dabei auch tiefe Einblicke in „Aspekte der katholischen Reformbewegungen im 16. Jahrhundert“ gewonnen, so der Titel eines Mainzer Akademievortrags vom 19. April 1991.
In die Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz wurde Klaus Ganzer am 24. Juni 1988 gewählt. In der Nachfolge von Erwin Iserloh leitete er bis 2007 deren Kommission für Kirchengeschichte. Im Auftrag der Akademie gab er mit Karl-Heinz zur Mühlen die Akten der deutschen Reichsreligionsgespräche heraus, die in Hagenau 1540, Worms 1540/1541 und Regensburg 1541 stattgefunden haben. Sie wurden in drei Bänden zu jeweils zwei Teilbänden in Göttingen 2000, 2002 und 2007 publiziert.
Im selben Jahrzehnt kooperierte er eng mit der „Fondazione per le scienze religiose Giovanni XXIII“ in Bologna. Von 2002 bis 2012 war er dort Mitglied des „comitato di direzione“ der Zeitschrift „Cristianesimo nella storia“. In ihr veröffentlichte er sieben Aufsätze und neun Buchrezensionen. In dem Projekt „The Ecumenical Councils of the Roman Catholic Church“ übernahm er die kritische Ausgabe der Beschlüsse des Trienter Konzils. Durch die Fahrten nach Bologna wurde ihm die alte Universitätsstadt des historischen Kirchenstaates vertraut. So vertiefte sich seine Beziehung zu Italien, die auch in Trient, Brixen und Venedig Ankerpunkte hatte. Im Februar 2007, kurz nach seinem 75. Geburtstag, schrieb er mir: „Ich war einige Tage in Venedig, das ich sehr schätze, und bin wieder auf den Spuren meiner ‚Klientel’ gewandelt: Grab Gasparo Contarinis, Palazzo Contarini und anderes mehr.“
Personenkult war Klaus Ganzer zuwider. Er war absolut unbestechlich. Die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande nahm er im Jahr 2000 an. So hartnäckig er im fachlichen Disput sein konnte, im menschlichen Umgang war er freundlich und zugewandt. Er schätzte das Gespräch im kleinen Kreis an den Vorabenden der Mainzer Sitzungen bei einem Glas Wein im Ristorante „Calabria“ und bei den Sommerexkursionen der Akademie.
Unter den vielen Themen, zu denen der Kirchenhistoriker Klaus Ganzer geforscht und geschrieben hat, gehörten auch Aspekte der benediktinischen Ordensgeschichte. Zu nennen wäre zuerst seine Trierer Antrittsvorlesung: Das Kirchenverständnis Gregors VII., in: Trierer Theologische Zeitschrift 78 (1969), S.  95–109. Als Würzburger Ordinarius veröffentlichte er eine Studie: Zur monastischen Theologie des Johannes Trithemius, in: Historisches Jahrbuch 101 (1981), S. 384–421. Im Umkreis seiner Konzilsforschung entstand sein vielbeachteter Beitrag über: Benediktineräbte auf dem Konzil von Trient, in: SMGB 90 (1979), S. 151-213, dem später noch ein weiterer Aufsatz folgte: Die Teilnahme der Äbte an den allgemeinen Konzilien in der Neuzeit, in: Joachim Angerer – Josef Lenzenweger (Hg.), Consuetudines monasticae. Eine Festgabe für Kassius Hallinger aus Anlass seines 70.Geburtstages (= Studia Anselmiana 85), Rom 1982, S. 355-373.  Eine grundsätzliche Frage benediktinischen Lebens betraf Ganzers  Aufsatz über: Monastische Reform und Bildung. Ein Traktat des Hieronymus Aliotti (1412-1480) über die Studien der Mönche, in: Remigius Bäumer(Hg.), Reformatio ecclesiae. Beiträge zu neuzeitlichen Reformbemühungen von der Alten Kirche bis zur Neuzeit. Festgabe für Erwin Iserloh, Paderborn 1980, S. 181-199.
So gab es gute Gründe, Klaus Ganzer im Jahr 2005 auch in die Historische Sektion der Bayerischen Benediktinerakademie aufzunehmen. Hier bewies er große Beständigkeit und besuchte regelmäßig die Jahrestagungen, zuletzt 2021 in Scheyern. Dort ist er kurz nach seiner Ankunft am 1. Oktober gestürzt. Nach der Rückkehr nach München schien er sich zunächst zu erholen, doch verstarb dann überraschend an einer unerkannt gebliebenen Infektion am 14. Oktober 2021.

Johannes Meier, Mainz

 

Prof. Dr. Franz Machilek (9. Januar 1934 – 5. April 2021)

Das großartige Lebenswerk von Franz Machilek zum Reformator Jan Hus – gewissermaßen eine Synthese von Leben und Wirken, verknüpft mit internationalen Forschungsansätzen – sollte die letzte enorme Leistung des ehemaligen Bamberger Archivdirektors sein. Am 5. April 2021 ist der renommierte Historiker unerwartet in Erlangen verstorben.
Prof. Dr. Machilek wurde am 9. Januar 1934 in der bis 1992 bestehenden Tschechoslowakei im südmährischen Hustopeče (Auspitz) geboren. Sein Studium der Philosophie, Theologie, Germanistik, Geschichte sowie der Historischen Hilfswissenschaften erstreckte sich in den Jahren 1953–63 an der Philosophischen Hochschule St. Stephan (Augsburg), der Philosophisch-Theologischen Hochschule Dillingen und der Universität München. 1955 legte er am Philosophicum in Augsburg die Erste Staatsprüfung für das Lehramt ab, bevor er 1966 die Zweite Staatsprüfung für den Höheren Archivdienst absolvierte. Promoviert wurde Franz Machilek 1963 zum Thema: „Ludolf von Sagan und seine Stellung in der Auseinandersetzung um Konziliarismus und Hussitismus“ (veröffentlicht 1967 in: Wissenschaftliche Materialien und Beiträge zu Geschichte und Landeskunde der böhmischen Länder, herausgegeben vom Collegium Carolinum und der Historischen Kommission der Sudetenländer, Heft 8). Auf diese Weise schließt sich wie ein A und Ω sein Interessen- und Forschungsfeld zum Hussitismus. Dank intensiver Studien zu diesem böhmisch-christlichen Theologen, Prediger und Reformator nahm Franz Machilek sicher auch ein Stück „alter“ Heimat mit nach Deutschland.
Es konnten grundlegende Erkenntnisse fixiert werden. Stellvertretend seien an dieser Stelle genannt: „Die hussitische Revolution. Religiöse, politische und regionale Aspekte“ (Köln 2012) oder zusammen mit Joachim Köhler „Gewissen und Reform. Das Konstanzer Konzil und Jan Hus in ihrer aktuellen Bedeutung“ (Berlin 2015) und schließlich „Jan Hus (um 1372–1415): Prediger, Theologe, Reformator“ (Münster in Westfalen 2019). Bereits an den 210 Einträgen im Verzeichnis der Regesta Imperii wird die vielfältige Schaffenskraft des landes- und archivwissenschaftlich orientierten Gelehrten deutlich.
Von 1959 bis 1963 war Machilek Verwalter einer wissenschaftlichen Assistentenstelle am Historischen Seminar an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Im darauffolgenden Jahr arbeitete er als Assistent beim Corpus Cosuetudinum Monasticarum. Von 1964 bis 1966 besuchte der Ehrenbürger der tschechischen Stadt Hustopeče die Archivschule in München. 1966/68 wirkte er als Sachbearbeiter im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und anschließend in gleicher Funktion von 1968 bis 1981 im Staatsarchiv Nürnberg. Danach (1982–1997) leitete er als Archivdirektor das Bamberger Staatsarchiv. Nebenbei (1982–1989) hatte er – Sohn eines Steuerbeamten und einer früh verwitweten Lehrerin – bereits einen Lehrauftrag für Archivkunde an der Universität Bamberg. Seit 1989 lehrte er dort als Honorarprofessor für Mediävistik und Historische Hilfswissenschaften.
Für seine international geschätzten Studien erhielt Franz Machilek Zugang zu einigen Mitgliedschaften. Diese Institutionen können hier freilich nur umrissen werden. Seit 1968 gehörte er der Historischen Kommission der Sudetenländer an und wurde 1976 in deren Vorstand kooptiert. Neben der Gesellschaft für fränkische Geschichte (1982–2000 Mitglied des Gesamtausschusses) war Machilek ab 1976 im Johann-Gottfried-Herder-Forschungsrat integriert; zunächst als korrespondierendes Mitglied, seit 1979 als ordentliches Mitglied und von 1984 bis 1991 im Vorstand. Ferner fungierte der Wissenschaftler – geboren als einer von vier Geschwistern – von 1997 bis 2003 als Vorstandsmitglied im Collegium Carolinum. 1988 wurde er in die Historische Kommission für Schlesien berufen. Weitere Aufgaben unter anderem als Gutachter für die Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München schärften sein Lebensprofil. 2001 wurde er „Corresponding Fellow“ im Zentrum für Mittelalterstudien der Karls-Universität Prag und der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. 1988 erfolgte die Zuwahl im Forschungskreis Ebrach und nur drei Jahre später die als Mitglied im Colloquium Historicum Wirsbergense. Franz Machilek engagierte sich seit 1982 auch als Beirat im Ausschuss der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum. Im Folgejahr kooptierte man ihn im Beirat des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte, später in dessen Vorstand. Im November 2016 wurde er, der zu zahllosen Wissenschaftlern im In- und Ausland stets ein kollegiales Verhältnis wahrte, bei der Bayerischen Benediktinerakademie zugewählt.
Machileks Forschungsergebnisse zur bayerischen, fränkischen und böhmischen Landesgeschichte, aber auch zur Ordensgeschichte verdienen uneingeschränktes Lob. Seine Untersuchungen zur Ketzergeschichte des Spätmittelalters und profunden Humanismus-Kenntnisse erfuhren höchste Anerkennung.

Sabine und Wolfgang Wüst, Nürnberg

Dr. Robert Münster (3. März 1928 – 27. März 2021)

Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Allgemeinarztes, zog die Mutter 1932 von Düren nach München. Nach der Schulzeit studierte Münster von 1949 bis 1956 Musikwissenschaft an der Universität München. Seine Professoren waren unter anderem Rudolf von Ficker und Georg Reichert. 1956 wurde Münster mit einer Arbeit über Karl Joseph Toeschis Symphonien promoviert. Von 1957 bis 1959 war Münster Wissenschaftlicher Assistent des Editionsleiters der Neuen Mozart-Ausgabe, Ernst Fritz Schmid. 1961 legte er das Staatsexamen für den Höheren Bibliotheksdienst ab, 1969 wurde er der Direktor der Musiksammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München, eine Position, die er bis 1991 innehatte. An der Staatsbibliothek gestaltete er zahlreiche Ausstellungen, jeweils mit Katalogen, darunter 1970 Carl Orff. Das Bühnenwerk, 1979 Das Orff-Schulwerk (beide in enger Zusammenarbeit mit Carl Orff), 1981 Wolfgang Amadeus Mozart; Idomeneo 1781–1981, 1985 Volksmusik in Bayern, 1987 Jugendstilmusik? Münchner Musikleben 1890–1914. Münster verfasste u. a. zahlreiche Schriften zur Musikgeschichte Bayerns, deren Aufarbeitung ihm sehr am Herzen lag. Des Weiteren forschte er seit 1959 zusammen mit Alois Kirchberger in bayerischen Klöstern und Kirchen nach alten Musikalien. Die oft erstaunlichen Funde wurden seit 1964 in der Bayerischen Staatsbibliothek mit Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft katalogisiert und, zusammen mit Beständen adeliger Musiksammlungen, in den von der Generaldirektion herausgegebenen Katalogen Bayerischer Musiksammlungen (München: Henle) publiziert. Eine Auswahl erschien seit 1967 in der von Kirchberger und Münster herausgegebenen Schallplatten- später CD-Reihe Musica Bavarica. Dabei handelte es sich zunächst vor allem um klösterliche Vokal- und Instrumentalmusik. Später folgte auch weltliche Musik z. B. von Hofkomponisten des Blauen Kurfürsten Max Emanuel, des Kurfürsten Max III. Joseph und der bayerischen Könige Max I., Ludwig I. und Ludwig II. Sensationelle Funde waren die bis dato unbekannte Sinfonie KV 19a und die Zweitfassung der lateinischen Motette Exsultate, jubilate KV 165/158a von Wolfgang Amadeus Mozart. 1987 wurde Musica Bavarica mit dem Preis der Bayerischen Landesstiftung ausgezeichnet, ihr 50-jähriges Bestehen feierte sie im Jahre 2017. Münster war seit 1970 a.o. Mitglied der Bayerischen Benediktinerakademie (Sectio Atrium) und der Akademie der Augustiner-Chorherren von Windesheim.