Sr. Prof. Dr. phil. Birgitta Louis OSB (14. Dezember 1938 – 15. August 2025)
Sr. Birgitta (= Ordensname) ist am 15. August 2025 in der Münchner Benediktinerinnen-Kommunität Venio, der sie seit 1969 angehörte, im 87. Lebensjahr verstorben. Ab 1983 war sie Mitglied der Bayerischen Benediktinerakademie und 1988 bis 1992 Dekanin der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Sektion.
Brigitte Louis (= Taufname) wurde am 14. Dezember 1938 als Tochter eines Universitätsprofessors in Istanbul geboren, 1943 kehrte ihre Familie nach Deutschland zurück. Nach ihrem Abitur 1958 studierte sie an der Pädagogischen Hochschule München-Pasing, ging in den Schuldienst und legte 1964 die 2. Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ab. 1964 begann sie mit dem Studium der Psychologie an der LMU München, das sie 1968 mit dem Diplom abschloss. Ab 1965 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Seminar der Pädagogischen Hochschule Augsburg und wechselte 1970 als wissenschaftliche Assistentin an das Institut für Unterrichtsmitschau und Didaktische Forschung der LMU. Dort promovierte sie sich 1974 mit der Arbeit „Unterrichtliche Steuerung und selbstständiges Denken“.
1969 war sie in die benediktinische Kommunität Venio in München eingetreten, in der sie 1974 die ewigen Gelübde ablegte. Sr. Birgitta engagierte sich über ihre Hochschultätigkeit hinaus im Bereich der Orden. So war sie von 1978 bis 1990 Dozentin am Institut der Vereinigung der Ordensoberinnen Deutschlands in München und von 1985 bis 1996 Dozentin beim Kommunnoviziat der Bayerischen Benediktinerkongregation.
Sr. Birgitta wirkte von 1977 bis 2002 als Professorin für Psychologie in der vormaligen Fakultät für Religionspädagogik und Kirchliche Bildungsarbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Als einzige Psychologin der Fakultät deckte sie mit ihrer Lehre ein weites Spektrum von Pädagogischer Psychologie über Allgemeine Psychologie, Entwicklungs-, Erziehungs-, Sozial- und Religionspsychologie ab. Als Prodekanin leitete sie von 1985 bis 1987 sowie von 1991 bis 1992 die damals bestehende Abteilung der Fakultät am Standort München. Von 1990 bis 1995 war sie Vertreterin der Fachhochschulen für Religionspädagogik bzw. Praktische Theologie bei der Konferenz der Diözesanreferenten und -referentinnen für Gemeindereferent/innen und Religionslehrer/innen i.K. Brigitte Louis hat mit ihrer profunden Fachkenntnis den FH-Studiengang Religionspädagogik seit den Anfangszeiten engagiert mitgestaltet und in unermüdlichem Einsatz seine Weiterentwicklung begleitet. Die produktive Implementierung humanwissenschaftlicher Disziplinen (Psychologie, Pädagogik, Soziologie) als Spezifikum des anwendungsorientierten theologischen Studiums war Brigitte Louis ein zentrales Anliegen. Als Professorin für Psychologie hat sie 25 Jahre an der akademischen Qualifizierung von Studierenden für Seelsorgedienst und Religionsunterricht mitgewirkt. Ihr forschend-verstehender Blick auf den Menschen von der wissenschaftlichen Empirie her war dabei auch „im Gespräch“ mit dem Bild, das aus biblisch-christlicher Tradition gespeist ist. Studierende wie auch Kolleginnen und Kollegen erlebten in der Begegnung mit Brigitte Louis in beeindruckender Weise Gelehrsamkeit mit Haltung. In ihrer Redlichkeit als Mensch und engagierte Hochschullehrerin war sie ein prägendes Vorbild, als Persönlichkeit inspirierend für Christsein heute mit Verstand und Herz. So formuliert es der Nachruf der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Ihr Ruhestand währte nicht lange. Als ihre Gemeinschaft, die Kommunität Venio im Jahr 2007 in Prag ein neues Benediktinerinnenkloster gründete, gehörte Sr. Birgitta zu den drei Gründungsschwestern und wirkte über viele Jahre treu beim Aufbau der neuen Gemeinschaft mit. Sie möge ruhen in Frieden.
Johannes Schaber OSB, Ottobeuren
P. Dr. phil. Gregor Jäggi OSB (16. April 1954 – 23. Juli 2025)
In einem Nachruf auf der Onlineplattform kath.ch wurde er als eine der «Säulen» der Einsiedler Klostergemeinschaft bezeichnet: Pater Gregor Jäggi, der in der Nacht auf den 24. Juli nach geduldig ertragener Krankheit im Alter von gerade mal 71 Jahren verstorben ist. Seine grosse Hilfsbereitschaft und sein profundes Wissen hatten sich in verschiedenen Aufgaben gezeigt, die er im Schweizer Benediktinerkloster in den vergangenen drei Jahrzehnten übernommen hatte: Als Dozent für Theologie in Einsiedeln und Chur, Historiker, Archivar, Novizenmeister, Subprior sowie gefragter Beichtvater und Seelsorger. Zuletzt beeindruckte er mit seinem Gottvertrauen und seiner Geduld, mit der er seine schwere Krankheit trug.
Geboren wurde Pater Gregor als Peter Jäggi am 16. April 1954 im solothurnischen Gerlafingen. Nach dem Besuch der Primarschule wechselte er im Frühjahr 1967 an die Kantonsschule Solothurn, wo er 1974 die Matura bestand. Mit dem entsprechenden Diplom in der Tasche zog er im gleichen Jahr nach Fribourg, wo er das Studium der Geschichte und Geografie aufnahm. Eine Stelle als Hilfsassistent während fünf Jahren brachte ihn erstmals mit Archiven in Berührung. Dass Peter offenbar zur vollsten Zufriedenheit seiner Professoren arbeitete und studierte, zeigte sich spätestens während eines freien Studienjahres in Paris ab Herbst 1981, als er von seinem ehemaligen Pfarrer und nunmehrigen Basler Bischof Anton Hänggi (1917–1994) auf Empfehlung seiner Fribourger Professoren zum Archivar des Bistums Basel ausersehen wurde. Dies hatte zur Folge, dass Peter nach erfolgreicher Lizentiatsprüfung in Fribourg 1982 nach Rom ging und sich dort an der Scuola di Paleografia zwei Jahre lang intensiv auf die Tätigkeit als Archivar vorbereitete.
Während seines Studiums in Fribourg wohnte Peter im Salesianum, einem Haus, das ursprünglich für Theologiestudenten und angehende Priester erbaut worden war. Während seines Studienjahres in Paris betätigte er sich darüber hinaus in der katholischen internationalen Studentengemeinde. Regelmässig besuchte er auch die Vesper und die Abendmesse in St-Gervais. In Rom schliesslich wohnte Peter als Gast im Campo Santo Teutonico. Der Glaube bedeutete ihm also viel. Und schon länger überlegte er sich, diesem in seinem Leben mehr Raum zu geben.
Im Herbst 1984 trat Peter aber erst einmal sein Amt an der bischöflichen Kurie in Solothurn an. Die Arbeit gefiel ihm gut, doch hinderte sie ihn daran, sich konzentriert seiner Doktorarbeit zu widmen. Deshalb entschied er sich 1989, die Stelle aufzugeben und sich ganz auf die Forschung zu fokussieren.
Die wissenschaftliche Arbeit gefiel Peter, schien ihn aber nicht vollends zu erfüllen. Nach längerem Ringen führte ihn schliesslich die Sehnsucht nach einem tieferen religiösen Leben ins Kloster Einsiedeln – und zwar am 4. Oktober 1990. Hier wurde ihm während der Zeit seiner Kandidatur und des Noviziats Gelegenheit zur Abfassung seiner Dissertation gegeben. Darin untersuchte er den Klerus in drei westschweizerischen Kleinstädten des ausgehenden Mittelalters. Im Juni 1992 erlangte er schliesslich das Doktorat, noch als Novize. Die Arbeit – ein Paradebeispiel akribischer Archivstudien – publizierte er 1994 unter dem Titel „Untersuchungen zum Klerus und religiösen Leben in Estavayer, Murten und Romont im Spätmittelalter (ca. 1300–1530).“
Am 4. Oktober desselben Jahres legte Peter die Einfache Profess ab und erhielt den Namen Gregor. Frater Gregor studierte ein weiteres Jahr an der damals noch bestehenden hauseigenen Theologischen Schule, um dann in den folgenden Jahren in Rom seine Studien weiterzuführen: Zunächst in S. Anselmo bis zum Baccalaureat, danach an der Universität Gregoriana mit Abschluss eines weiteren Lizentiates im Jahr 1997. Zwischenzeitlich hatte er die heiligen Weihen durch den Einsiedler Mitbruder und damaligen Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, Amédée Grab, empfangen: An Epiphanie 1996 die Diakonats- und am Hochfest Peter und Paul desselben Jahres die Priesterweihe.
Als Lehrer an der hauseigenen Theologischen Schule und später auch an der Theologischen Hochschule in Chur konnte er sein umfangreiches Wissen und seine scharfsinnige Auseinandersetzung mit diversen Themen gezielt vermitteln. Seine Vorlesungen waren anspruchsvoll, aber nicht minder spannend.
P. Gregor war allerdings nicht nur ausserordentlicher Gelehrter, sondern auch Vorbild im Glauben. Verhältnismässig früh in seinem klösterlichen Leben und kaum aus Rom zurückgekehrt wurde er so zum Novizenmeister berufen. Über Jahre hinweg war er auch gewähltes Mitglied im Consilium, dem äbtlichen Rat, sowie während neun Jahren Subprior. Genauso wichtig für sein Selbstverständnis, aber auch für seine Wahrnehmung von aussen war seine Tätigkeit als Archivar, die er seit 2012 wahrnahm.
In den letzten zwei, drei Jahren machten sich immer grössere gesundheitliche Herausforderungen bemerkbar. Konzentrations- und Sehschwierigkeiten, Schlaflosigkeit, kleinere Aussetzer. Im vergangenen Oktober wurde als Grund hierfür ein Hirntumor diagnostiziert, was zu mehreren Operationen führte. Die Krankheit schwächte ihn so sehr, dass er ihr am späten 23. Juli erlag.
Als Historiker machte sich Pater Gregor vor allem in der Erforschung der Geschichte des Bistums Basel einen Namen, wobei es ihm besonders Bischof Friedrich Fiala (1817–1888) angetan hatte, der sich nach dem Kulturkampf als weiser Brückenbauer hervortat. Pater Gregors 1999 und 2013 erschienenen zwei Bände über die Geschichte des Bistums Basel sind eindrückliche Standardwerke, nicht zuletzt deshalb, weil er es verstand, die ungeheure Masse an Literatur und Quellen meisterhaft zu analysieren, zu kontextualisieren und verdichtet auf den Punkt zu bringen. Selbstverständlich widmeten sich viele seiner Publikationen aber auch der Geschichte seines über tausendjährigen Klosters, der berühmten Wallfahrtsstätte im Herzen der Schweiz. Sein jüngstes Werk war dabei ein kunsthistorischer Führer in der Reihe «Schweizerische Kunstführer» der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, den er als Mitautor verfasste.
Seine Klosterzelle glich einer Bibliothek. Gleichwohl band sich Pater Gregor nicht an seinen Schreibtisch. Vielmehr ging er hinaus und vermittelte sein immenses Wissen interessierten Studierenden. Dabei präsentierte er ihnen in seinen intellektuell anspruchsvollen Lehrveranstaltungen eine breite Palette an Themen, von der Schweizer Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zum Geschick der Kirche im Laufe der Zeit auf anderen Kontinenten. Dabei waren seine Ausführungen stets ausgewogen und nie polemisch.
Diese Charaktereigenschaften machten ihn auch als gefragten Seelsorger und Beichtvater aus. Denn Pater Gregor war nicht nur ein stiller, in sich gekehrter wissenschaftlicher Gelehrter erster Güte. Er war eben auch Seelsorger, Christ und Mönch, der nicht nur mit Worten predigte, sondern das Gesagte auch selbst vorlebte – und zwar auf beeindruckender Weise. So wird er von vielen in bester Erinnerung gehalten, ja sehr vermisst.
Thomas Fässler OSB, Einsiedeln
Prof. Dr. jur. Werner Schiedermair (22. September 1942 – 11. Mai 2025)
Am 11. Mai verstarb nach langer schwerer Krankheit Prof. Dr. Werner Schiedermair, Mitglied der Bayerischen Benediktinerakademie bzw. heute: Benediktinischen Akademie Salzburg seit 1997. Mit seinem Tod verliert Bayern, ja ganz Deutschland einen prägenden Akteur der Denkmalpflege und eine Persönlichkeit, die sich über Jahrzehnte mit wissenschaftlicher Exzellenz und unermüdlichem Engagement für die Pflege des kulturellen Erbes einsetzte und diese – vorwärts gewandt – als Beitrag zu einer lebendigen, zukunftsfähigen Gesellschaft verstand.
Werner Schiedermair wurde am 22. September 1942 in Würzburg geboren. An der dortigen Universität studierte er Rechtswissenschaften, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte; 1968 wurde er zum Dr. jur. utr. promoviert. Danach trat er als Beamter in den Dienst des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. Ab 1973 war er am Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst als Ministerialrat für das Referat Denkmalpflege verantwortlich. Von 1996 bis zu seinem Ruhestand 2007 leitete er in diesem Ministerium neben dem Betreuungsreferat für die Universität Würzburg auch das Referat Stiftungswesen. 2006 wurde er zum Honorarprofessor für Kunstgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ernannt, wo er auch noch in seinem Ruhestand Vorlesungen zum Thema „Umgang mit historischem Kulturgut“ hielt.
Werner Schiedermair wirkte allerdings weit über das Ministerium und die Universität hinaus: Mit der Initiierung des Denkmalpreises der Hypo-Kulturstiftung 1986 etwa setzte er neue Massstäbe in der öffentlichen Anerkennung von privatem Engagement für die Denkmalpflege. Während 30 Jahren (bis 2015) war er Spiritus Rector dieses Preises, geleitet von der Überzeugung, dass nicht nur die Erhaltung von Kirchen und Schlössern wichtig ist, sondern – im Sinne einer «Demokratisierung des Denkmalschutzes» – auch jene von Handwerker- oder Bauernhäusern. Jede soziale Schicht, so Schiedermair, sollte sich im kollektiven Gedächtnis wiederfinden können. Pionierhaft war ebenfalls sein Einsatz für zeitgemässe Nutzungen historischer Bausubstanz, denn Denkmäler sind, so brachte er es immer wieder ebenso treffend wie eingängig auf den Punkt, «nicht nur Zeitzeugen, sondern auch Zeitgenossen». In vielen weiteren ehrenamtlichen Engagements stellte er seine Expertise wie auch sein Verhandlungsgeschick zur Verfügung, was allseits hochgeschätzt wurde, u.a. von der Abtei St. Walburg in Eichstätt, um deren Kunstschätze er sich zuletzt verdient machte. Auch an den Anlässen der Benediktinischen Akademie nahm er regelmässig teil; der Kunstsektion gab er immer wieder wichtige inhaltliche Impulse, schlug lohnende Ziele für Exkursionen vor oder organisierte letztere gar selbst.
Zu Schiedermairs Veröffentlichungen gehören neben vielen Fachaufsätzen und zahlreichen Publikationen insbesondere neun, im doppelten Wortsinn gewichtige Kunstbände zu bayerischen Klöstern und Sakralbauten. Anzumerken gilt es zu diesen, dass sie allesamt nebenher, also nicht im Rahmen seiner Anstellung im Ministerium entstanden sind. Politische Mechanismen, welche Machtstreben oft mehr begünstigen als Kompetenz, und Ränkespiele mehr als persönliche Integrität, waren wohl ein Grund dafür, dass er seine Ziele nicht zuletzt auf diesem Weg zu erreichen suchte. Hervorgehoben seien hier neben dem 2003 zur Erinnerung an die Säkularisation der Jahre 1802/1803 erschienenen und bereits in dritter Auflage vorliegenden Übersichtsband «Klosterland Bayerisch Schwaben» lediglich zwei dieser ebenso beispielhaften wie wegeweisenden Kunstbücher, nämlich die beiden umfassenden Darstellungen der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld (1995, 2. erg. Auflage 2011) sowie des Dominikanerinnenklosters Bad Wörishofen (1998). Beide Bände sind anlässlich des Abschlusses von umfangreichen, mustergültigen denkmalpflegerischen Instandsetzungsmassnahmen entstanden, zu deren Gelingen Schiedermair wesentlich beitrug. Und diese Bände gehören – das ist entscheidend – in dessen ganzheitlichem Verständnis von Denkmalpflege zu den letzteren unabdingbar dazu. Denn die Instandsetzung ist das eine, das andere, nicht weniger wichtige, ist die Vermittlung dessen, wofür diese Klöster in kulturhistorischer Hinsicht standen bzw. stehen und in Zukunft stehen könnten. «Geschichtsbewusste Denkmalpflege», nannte Schiedermair das.
Bei diesen Publikationen war Schiedermair Herausgeber im besten Sinn: Er erstellte das Konzept, gewann über seine Netzwerke jeweils zahlreiche spezialisierte Autor:innen für einzelne Aspekte, begleitete kenntnisreich die Entstehung ihrer Beiträge, verfasste selbst mehrere zentrale Kapitel, redigierte das ganze Buch, steuerte informative Bilddokumente aus Archiven sowie ausführliche Bildlegenden bei, gestaltete das Layout, erstellte die Register und organisierte schliesslich die Finanzierung. Dass diese Publikationen zu Standardwerken wurden, die auch über die Welt der Wissenschaft hinaus weite Verbreitung fanden und mehrere Auflagen erlebten, verdankt sich neben ihren grossartigen Bildprogrammen insbesondere Schiedermairs Ansatz, das Kloster als lebendigen Kosmos zu verstehen, in dem alle Elemente in Wechselwirkung stehen, sich gegenseitig bedingen und aufeinander verweisen. Das Aussen und das Innen, die Landschaft, die Architektur und die Lebensvollzüge, die Geschichte ebenso wie die Gegenwart, die unbeweglichen und die beweglichen Güter, die künstlerische Ausstattung und die Frömmigkeitsformen usw. Die Bücher gehen mithin weit über eine nur historische oder kunstgeschichtliche Darstellung hinaus und sie schaffen das schiere Kunststück, über Spiritualität nicht in einem Kapitel abstrakt reden zu müssen, sondern die Spiritualität des Ortes und seiner Religiosen durch das Gesamtkonzept und die Erscheinung des Bandes zu vermitteln, ja fast schon erfahrbar zu machen.
Exemplarisch ist in diesen beiden Büchern sowie verschiedenen anderen Publikationen zudem, dass sie auch von der grossen Kunstgeschichte kaum beachtete und nicht im Fokus musealen Interesses stehende Erzeugnisse der klösterlichen Frömmigkeit wie Klosterarbeiten, Kleine Andachts-, Spickel-, Spitzen- oder Kulissenbilder in den Blick nehmen und würdigen. Die erwähnten und alle weiteren Kunstbände – rein materiell bringen sie über 18 kg auf die Waage – zeugen von Schiedermairs leidenschaftlicher, geradezu unglaublicher Schaffenskraft.
Für seine Verdienste erhielt Werner Schiedermair zahlreiche kirchliche, universitäre und staatliche Auszeichnungen; von diesen seien hier lediglich der päpstliche Orden des heiligen Gregorius, die Medaille Bene Merenti in Gold der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (2009) und das Bundesverdienstkreuz (2011) erwähnt. Bereits 1999 bezeichnete Staatsminister Dr. Thomas Goppel in seiner Rede zur Verleihung des Rieser Kulturpreises Werner Schiedermair als einen «denkmalpflegerischen Einstein».
Wer das Glück hatte, mit Werner Schiedermair privat näher bekannt zu sein, wird einerseits seine grosszügige Gastfreundschaft und andererseits seine aussergewöhnliche Wohnung, die aufgrund der erlesenen Ausstattung musealen Charakter hatte, nicht vergessen. Mit seiner Frau Lucie, geborene (Ingeborg Regina Charlotte) Petersen, die er 1975 heiratete, verband ihn nicht nur die Liebe, sondern auch die Begeisterung für die Kunst. Beide lebten gleichsam inmitten von Kunst und mit Kunst, was Werner Schiedermairs Überzeugung entsprach: Womit man sich umgebe, präge einen auch. Leider erkrankte seine Frau, die sich für den Aufbau von Netzwerken der Nachbarschaftshilfe engagierte und stets an seiner Seite stand, schwer, kurz bevor er in Rente gehen konnte. Während der langen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 2016 sorgte er hingebungsvoll für sie, was sein eigenes Wirkungsfeld stark einschränkte. Und nur wenige Jahre nachdem seine Frau verstorben war, zeigte sich bei ihm selbst eine seltene und kaum erforschte Krankheit, die lange nicht diagnostiziert werden konnte. Sie beraubte ihn zunehmend bis schliesslich fast vollständig seiner körperlichen Mobilität, glücklicherweise aber nicht seiner geistigen Klarheit. Grosse Teile seiner privaten Sammlungen vermachte Werner Schiedermair Museen, um gezielt bislang untervertretene Bereiche derselben zu stärken. Profitieren konnte allen voran das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, dessen Bestand er um hunderte Blätter aus der Anfangszeit der künstlerischen Gebrauchsgrafik sowie um viele herausragende Klosterarbeiten bereicherte.
Unzählbar sind die Kulturdenkmäler und Kulturgüter, zu deren Erhaltung Werner Schiedermair mit beeindruckendem persönlichem Einsatz beigetragen hat; auf sein überaus vielfältiges Wirken konnten hier nur ein paar Schlaglichter geworfen werden. Mit Fug können wir jedoch bilanzieren: Er war ein visionärer Architekt des kulturellen Gedächtnisses. Er verband Wissen mit Haltung, Leidenschaft mit Weitblick. Und er gab der Denkmalpflege eine Stimme, die weit über Fachgrenzen hinausreichte. Für ihn war Kultur nicht Besitz, sondern Verpflichtung. – Er ruhe in Frieden.
Urs-Beat Frei, Luzern
Professor Dr. theol. Ernst Reiter (5. Januar 1926 – 12. Januar 2025)
Nur wenige Tage nach Vollendung seines 99. Geburtstags verstarb der Eichstätter Kirchenhistoriker Prof. em. Dr. Ernst Reiter am Sonntagmorgen, den 12. Januar 2025.
Ernst Reiter wurde am 5. Januar 1926 als drittes von zehn Kindern eines Schusters und Brandmetzgers in Hilpoltstein, Mittelfranken, geboren und wuchs, was er gerne mit einem gewissen Stolz betonte, in ärmlichen Verhältnissen auf. Priester zu werden war für ihn schon als Kind ein Herzenswunsch. Mit diesem Ziel vor Augen konnte er seit 1936 als Zögling des Eichstätter Knabenseminars St. Wunibald das Gymnasium besuchen. Im Jahre 1943 wurde er mit 17 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen und kam 1944 bis 1948 in englische Kriegsgefangenschaft. In England wurde es ihm ermöglicht, sich in einem sogenannten Studienlager auf das Abitur vorzubereiten und die Reifeprüfung abzulegen. So konnte er nach seiner Heimkehr sofort ins Eichstätter Priesterseminar eintreten. Am 29. Juni 1953 wurde er von Bischof Dr. Joseph Schröffer in Eichstätt im Hohen Dom zu Eichstätt zum Priester geweiht.
Nach kurzem Einsatz als Kooperator in Monheim war er von 1958 bis 1960 Direktor des Bischöflichen Knabenseminars St. Wunibald in Eichstätt und zugleich Archivar des Ordinariatsarchivs. Zudem unterrichtete er von 1956 bis 1960 als Religionslehrer am Humanistischen Gymnasium in Eichstätt. 1960 wurde er zu weiterführenden Studien in Bonn beurlaubt, die er 1963 mit der Promotion bei Professor Hubert Jedin zum Thema „Martin von Schaumberg, Fürstbischof von Eichstätt (1560–1590) und die Trienter Reform“ abschloss. 1964 übernahm er die Professur für Kirchengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Eichstätt – ab 1980 Katholische Universität –, zunächst vertretungsweise und ab 1968 bis zu seiner Emeritierung 1991 als Ordinarius für Mittlere und Neue Kirchengeschichte. Als engagierter Lehrer prägte er mehrere Generationen von Studierenden. In der Forschung waren seine wissenschaftlichen Spezialgebiete die Katholische Reform im Bistum Eichstätt während des 15. und 16. Jahrhunderts, die deutsche Kirchengeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus sowie die Eichstätter Diözesangeschichte. Durch zahlreiche Publikationen zu diesen und weiteren Themen hat er sich weit über den universitären Bereich einen Namen gemacht. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste in der Kirchen- und hier insbesondere der Ordensgeschichte wurde er im Jahre 1986 in die Historische Sektion der Bayerischen Benediktinerakademie aufgenommen, eine Ehre, die er sehr zu schätzen wusste. Im kirchlichen Bereich setzte er sich auf vielfältigste Weise ein. So engagierte er sich mit großer Hingabe für die Ökumene. Von 1968 bis 1976 war er Diözesanbeauftragter für Ökumene und von 1972 bis 1976 Vorsitzender der Ökumene-Kommission des Bistums Eichstätt.
Prof. Reiter war auch für den Eichstätter Historischen Verein aktiv. Mehrere Jahre lang war er dessen Vorsitzender und betätigte sich auch als Redakteur der „Zeitschrift Sammelblatt des Historischen Vereins Eichstätt“. Von Bischof Dr. Alois Brems hierzu bestellt, versah er von 1983 bis 2015 bei den Benediktinerinnen der Abtei in St. Walburg den Dienst als Spiritual. Seinen Ruhestand verbrachte Reiter, zuletzt ältester Priester der Diözese Eichstätt, im Caritas-Seniorenheim Greding. Trotz zunehmender körperlicher Schwäche verfolgte er auch dort mit wacher Anteilnahme die Entwicklung von Kirche und Welt. R.I.P.
Maria Magdalena Zunker OSB, St. Walburg/Eichstätt